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Krimi-Tipp: „Die Nacht von Rom“ von Giancarlo De Cataldo & Carlo Bonini

Hinter den abgedunkelten Scheiben des schwarzen Audi A6 beobachtete Sebastiano Laurenti, wie die Stadt im Chaos versank. Rom brannte. Vor fünf Tagen hatte die Stadt kapituliert. Lahmgelegt von einem wilden Streik der Verkehrsbetriebe. Erstickt von nicht abtransportiertem Müll. Verpestet vom Gestank der Müllsäcke, die die wütenden Römer an den Straßenecken angezündet hatten. Die Dinge hatte ein Mädchen aus Tor Sapienza ins Rollen gebracht, sie hatte zwei Schwarze angezeigt, die sie vergewaltigt hätten. Die Bewohner der Vorstädte waren sofort auf die Barrikaden gestiegen. Rom brannte. (Auszug Seite 9)

Als Papst Franziskus im Frühjahr 2015 das Heilige Jahr der Barmherzigkeit ausruft, wittern viele Römer das große Geschäft, das sich mit Millionen von Touristen verdienen lässt. Bauunternehmer, Immobilienhaie und das organisierte Verbrechen setzen alles dran, öffentliche Aufträge zu manipulieren, um von dem Pilgerboom zu profitieren. Korrupte Kommunalpolitiker halten die Hand auf und auch der Vatikan hat seine Finger im Spiel.

Der Obermafiosi Samurai, ein faschistischer Kriminelle mit einem Faible für alles Japanische, zieht vom Gefängnis aus Tee trinkend die Fäden. Zwischen seinem Erben, dem smarten, eleganten Sebastiano Laurenti und dem skrupellosen Fabio Desideri entbrennt ein Krieg über seine Nachfolge. Müllberge und Straßenschlachten werden von der Mafia als Druckmittel benutzt und Chaos bricht in der italienischen Metropole aus. Den wenigen Aufrichtigen wird das Leben schwer gemacht. Alle Fraktionen sägen am Stuhl des Römer Bürgermeisters Martin Giardino, der unter anderem wegen seiner peniblen Art, nur „Der Deutsche“ genannt wird.

Anfänglich hatte ich mit dem realitätsnahen Mafiathriller meine Schwierigkeiten. Ich fand ihn sehr sperrig und anstrengend zu lesen. Nicht nur wegen der Vielzahl an Protagonisten, die das Autorenduo De Cataldo und Bonini auflaufen lässt, erfordert er höchste Aufmerksamkeit. Eine hilfreiche Auflistung aller wichtigen handelnden Personen ließ mich immer wieder zum Anfang zurückblättern. Vielleicht lag es auch an der Übersetzung, hin und wieder stolperte ich über holprige Sätze und mir unbekannte Wörter wie zum Beispiel „Maulfürze“ oder „die Finanz war ihm auf den Fersen“. Eventuell handelt es sich auch um in Österreich gebräuchliche Ausdrücke, denn der Band wurde von Karin Fleischanderl für den Wiener Folio-Verlag übersetzt.

Der rasante Politthriller ist eigentlich mehr eine informative Reportage über die Verstrickungen von Mafia, Politik und katholischer Kirche. Dazu passt, dass es keine Anführungszeichen bei der direkten Rede gibt. Das fand ich etwas gewöhnungsbedürftig, aber dadurch verstärkt sich die Wirkung einer nüchternen Chronik, und die Botschaft über Italiens bittere, grausame Realität wird eindringlich dargestellt. Aber mehr und mehr zog mich die fesselnde Geschichte in den Bann und der nüchterne, knappe Stil und die protokollartige Wiedergabe begannen mich zu faszinieren. Was dem Autorenduo perfekt gelingt, sind die einzelnen Milieu-Beschreibungen und die Darstellung der engen Verflechtungen zwischen denen aus den Palästen, die aus der Zwischenwelt, die von der Straße und dem Chor. Das sind die einzelnen Überschriften über der Liste der wichtigen handelnden Personen am Anfang des Buches.

Die vielen Charaktere sind gut ausgearbeitet, die teilweise klischeehafte Überzeichnung sicher gewollt und daher verzeihbar. Der eloquente Sebastiano Laurenti, eigentlich kein schlechter Kerl, ist nur durch ein böses Schicksal in diese Lage gekommen und denkt ständig über seinen Ausstieg nach. Er verliebt sich in die schöne, ehrgeizige Stadträtin Chiara Visone. Die redegewandte, charmante Parteichefin war früher mit dem altgedienten, linken Parteikommunisten Adriano Polimeni liiert. Er ist einer der wenigen „Guten“ und versucht zusammen mit Monsignor Giovanni Daré dem Bösen die Stirn zu bieten. Auch andere Figuren wie der schmierige Politiker Temistocle Malgradi, der sich als angeblicher Vertrauter des Bürgermeisters verdingt oder der koksende Baulöwe Danilo Mariani mit seinen fettigen Haaren konnte ich mir gut vorstellen.

– Auf wie viel kommen wir?
– Die Bürojungen bekommen tausend im Monat. Die Vorsitzenden der Ausschüsse mitunter drei-, viertausend. Hängt davon ab. Dazu kommen die Extras für die schwierigen Beschlüsse. Nun, wie ich schon sagte, nur ein paar Trottel von den Cinque Stelle werden dagegen sein, aber wir arbeiten daran. Jabba, wenn du willst, kannst du die Liste der Bauarbeiten vorlesen.
(Seite 83)

Rom ist der Schauplatz dieses Mafia-Thrillers und da kennen sich die beiden Autoren Giancarlo de Cataldo und Carlo Bonini gut aus. Sie sind vertraut mit den politischen Hintergründen in Rom und wissen Bescheid über die Machenschaften hinter den Kulissen. De Cataldo hat sich als Richter an einem Römer Schwurgericht mit dem Organisiertem Verbrechen auseinandergesetzt, Bonini arbeitet als investigativer Journalist einer Tageszeitung.

De Cataldo hat schon in einigen Werken die italienischen Verhältnisse beschrieben, sein Kriminalroman Romanzo criminale wurde mehrfach erfolgreich verfilmt. Die Nacht von Rom ist die Fortsetzung des erfolgreichen Thrillers Suburra, bei dem die beiden Autoren schon zusammen gearbeitet haben. In Suburra beschäftigten sie sich intensiv mit der Korruption in Italien. Allerdings ist der vorliegende Politthriller mit knapp 300 Seiten schmaler und nicht ganz so komplex, daher für Laien in italienischer Politik leichter zu konsumieren.

In einem Interview bestreitet De Cataldo augenzwinkernd, dass seine Figuren auf realen Vorbildern beruhen. Doch wer sich mit dem italienischen Polittheater auskennt, wird die ein- oder andere Anspielung erkennen. Der Autor gibt weiter zu, dass es in der Wirklichkeit im kriminellen Bereich nicht ganz so schlimm gekommen sei. Auch das Heilige Jahr sei bis jetzt erstaunlich sauber verlaufen, was man Papst Franziskus zu verdanken hat. Der in der Realität inzwischen inhaftierte Mafiosi Massimo Carminati bezeichnete sich einmal in einem abgehörten Gespräch als Figur der „Zwischenwelt“, in der sich alle träfen. Denn auch die Leute in der Oberwelt brauchten mal jemand aus der Unterwelt, der Dinge für sie erledigt, die sonst keiner machen kann.

In Die Nacht von Rom werfen die beiden Insider in kurzen, knappen Kapiteln ein Schlaglicht auf Italien. Wer sich nur ein wenig mit der aktuellen Politik in Italien auskennt, wird an der spannenden Mischung aus Fiktion und Realität seine Freude haben. Mir fehlte ein bisschen die Spannungskurve, aber den Vorgänger Suburra würde ich auf jeden Fall noch gerne lesen.

Rezension und Foto von Andy Ruhr. Danke für den Artikel an krimirezensionen.de!

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Über Gastautor (7 Artikel)
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