Bologna-Krimi: Carlo Lucarelli | Italienische Intrige

Bologna-Krimi: Carlo Lucarelli | Italienische Intrige

Ein Agententhriller aus Bologna

Die Eingangsszene zeigt zwei höchst unterschiedliche Männer auf einer rasanten Autofahrt durch das Schneegestöber im eiskalten Januar 1954. Giannino, ein junger Mann von 22 Jahren, fährt die Aurelia, während sein Beifahrer, den er „Herr Ingenieur“ nennt, seinen Gedanken nachhängt. Er ruft sich die Worte seines Vorgesetzten in Erinnerung. Commendatore D’Umberto hat ihn einen Trüffelhund genannt, wo er doch solche mit dem Herz eines Bastards brauche. Er fragt sich, warum Crescas Frau nicht gleich umgebracht wurde. Und er spürt etwas zwischen Angst und Wut, wenn er an Claudia denkt. Und Begehren.

Ab dem zweiten Kapitel wird erzählt, was bis zu jener schicksalhaften
Autofahrt geschah, wer Professor Cresca und seine Frau sind und wer
Claudia. Und was Giannino und Ingenieur Morandi miteinander zu tun
haben. Sie treffen sich zu Beginn des Romans zum ersten Mal, der frühere
Kommissar De Luca ist aus Rom angereist um im Auftrag des
Geheimdienstchefs D’Umberto den Mord an Stefania Mantovani aufzuklären,
der Witwe des Professors Mario Cresca, der vor zwei Monaten bei einem
Autounfall ums Leben kam. Er ist also kein Ingenieur, aber über seinen
Partner Giannino weiß er auch nichts, nicht einmal ob das sein Vor- oder
Nachname ist, oder sein richtiger oder ein falscher. Geheimagenten
eben.

Als erstes nehmen die beiden den Tatort unter die Lupe, eine Absteige
in einem alten Haus am Kanal, eine Mansarde hatte der Professor sich zu
einem Liebesnest eingerichtet. Hier traf er sich mit Frauen, spielte
seine Jazzplatten, feierte mit Musikern, es wurde getrunken und gespielt
und wohl auch Drogen konsumiert, wie eine Nachbarin bezeugt. Jetzt
herrscht hier ein heilloses Durcheinander, die Platten des Professors
liegen verstreut am Boden, überall sind Blutspuren, es hat
offensichtlich ein Kampf stattgefunden. Davon zeugen auch die
Verletzungen des Opfers Stefania Cresca. Letztlich aber starb sie durch
ertränken in der Badewanne. De Luca lässt einige Beweise sichern, auch
blutige Spuren von nackten Frauenfüßen, vor allem aber ein Farbband aus
einer alten Remington und einen Papierfetzen, der von einem Kuvert mit
dem Absender Mario Cresca abgerissen wurde. Die Beamten der
Einsatzpolizei hatten offenbar nicht sehr sorgfältig gearbeitet.

Die Nachbarin, von De Luca befragt, berichtet, dass sie die Witwe
Cresca nur einmal gesehen habe, als diese sie bat, ihre Wäsche zu
waschen, da sie doch in der Wäscherei arbeite. Sie habe gar nicht
gewusst, dass der Professor verheiratet war, sie habe angenommen,
„Facetta Nera“, das „Schwarze Gesichtchen“ sei seine Freundin. Die junge
Frau aus Abessinien habe sie häufig ein- und ausgehen sehen. Als sie
die Bettbezüge, Laken und Handtücher zurückgeben wollte, habe sie durch
die offene Tür das Tohuwabohu entdeckt, ihr Mann habe dann die Tote
entdeckt und die Polizei gerufen. Der kleine Sohn der beiden allerdings
hat etwas beobachtet, als er durch den Spalt der Gemeinschaftstoilette
spähte. „Teufelsfratze“ nennt er den Mann, der aus der Mansarde kam, und
den er recht genau gezeichnet hat, mit einem großen, schwerfälligen
Körper, einem schiefen Auge, das tiefer liegt als das andere, mit
spärlichen, blonden Haaren. Ist er der Mörder?

De Luca versucht, aus dem Gesehenen, dem Gehörten und Gefundenen
einen Tathergang zu konstruieren, auf dem Farbband sind deutliche
Anschläge zu erkennen, er entziffert die Buchstaben „DOTT. PIRRO ORES“.
Wer ist dieser Doktor? Giannino findet heraus, dass Stefania Cresca in
kurzer Zeit sechsmal mit der Apotheke Scaglianti telefoniert hat.
Besteht da ein Zusammenhang? Auf der Beerdigung der Ermordeten wollen
sie mehr erfahren. Es stellt sich heraus, dass die Witwe des Professors
nicht besonders beliebt war, unsympathisch, ungebildet, rasend
eifersüchtig. Mario Cresca hingegen hatte einen untadeligen Ruf, war
überall angesehen und geachtet. Der leidenschaftliche Jazzfan hatte nach
Reisen in die USA eine Band zusammengestellt, deren Mitglieder aus
aktuellen und ehemaligen Studenten besteht, Alma Mater. Hier spielt
Aldino Scaglianti Saxophon, nach dem Tod des Profesors hatte er sich
seiner Witwe angenähert. Bei den beiden Agenten klingelt etwas, sie
machen sich auf zu einem Auftritt der Band.
Die spielt mehr schlecht als recht, wie Musikliebhaber und -kenner
Giannino feststellt, aber die Sängerin der Kapelle ist eine Offenbarung.
Sie hat eine großartige Stimme und eine unglaubliche Ausstrahlung, ist
jung, hübsch und hat dunkle Haut. Facetta Nera, die Abessinierin, heißt
Claudia und De Luca verliebt sich in die Schöne aus Asmara, die mit
zweieinhalb Jahren nach Italien kam. Sie ist Claudia und Franca,
Italienerin und Afrikanerin, singt Jazz und Bologneser Lieder, sie ist
hin- und hergerissen. Franca heißt sie, wenn sie im Orchester Paride
Canè ihres Vaters italienische Schlager und Folklore zum Besten gibt,
traditionelle Lieder und aktuelle Gassenhauer. Sie glaubt nicht, dass
der Tod ihres Freundes Mario ein Unfall war. Sie schildert den Professor
für Physik als faszinierenden, außergewöhnlichen Menschen, als Genie,
außerdem sei er sensibel und witzig gewesen. De Luca nimmt sich vor, die
Umstände seines Todes näher zu untersuchen, auch er glaubt nicht an
einen Unfall.

De Luca trifft sich mit einem alten Kollegen, der die ersten
Untersuchungen am Ort des Geschehens durchgeführt hat, kommt
Merkwürdiges zutage: Professor Cresca ist eindeutig als
Unfallverursacher festgestellt worden, er ist bei einem Überholmanöver
mit seinem Spider Coupé unter einen schweren Dodge geraten, auch sein
kleiner Neffe auf der Rückbank war sofort tot. Der Fahrer des Dodge will
allerdings später bei den Ermittlern etwas loswerden, dazu kommt es nur
nicht, weil er bei einem mysteriösen Sturz in den Aufzugschacht stirbt.
Und ein kleiner Junge im Wagen hinter dem Professor erinnert sich an
das Gesicht eines Motorradfahrer, der ebenfalls beteiligt war. Er hatte
eine Teufelsfratze!

Als De Luca seinem Vorgesetzten seinen Verdacht vorträgt, winkt der
ab. Der Dienst sei an einer Aufklärung nicht interessiert, es gehe
lediglich um den Mord an Signora Cresca. Das Verhalten seines Chefs gibt
De Luca zu denken, und plötzlich misstraut er auch seinem Partner. Er
ist mit fast vierzig Jahren annähernd doppelt so alt wie Giannino und
verfügt über eine entsprechende Erfahrung durch seine Arbeit bei der
Staatspolizei, dann als Kommissar der Einsatzpolizei „bester Detektiv
Italiens“ und später als Direktor der Sitte in Bologna. Entsprechend gut
kennt er auch die Stadt und die Menschen der Emiglia Romagna. Daher
lässt er keinen Zweifel daran, wer bei dieser Untersuchung der Chef ist
und wer Assistent. Es wird so gemacht, wie es ihm passt, in seinem
Tempo, nach seinen Maßgaben, auch wenn es sein erster Einsatz für den
Geheimdienst ist.

Man hat ihn überraschend in die Pflicht genommen, wohl auch, weil er
gerade verfügbar ist. Während der Besetzung Italiens durch das Deutsche
Reich und unter dem wieder eingesetzten Benito Mussolini
hatte er weiter als Polizist gearbeitet. Er war, wie er sagt, kein
Faschist oder er war einer wie alle anderen, aber vor allem einfach nur
Polizist. Aber nun wartet auf ihn ein Prozess zur Klärung seiner
Nazi-Vergangenheit und bis zu dessen Beginn ist er seit fünf Jahren
beurlaubt. Er leidet deshalb an Schlaflosigkeit und Essstörungen. De
Luca ist wortkarg und verschlossen, ja unnahbar, dabei tritt er
dominant, beherrschend auf, und er ist unerschütterlich, wenn es gilt,
seine Ziele zu verfolgen. Er will unbedingt wissen, was es mit den
Morden an Professor Cresca und seiner Frau auf sich hat, und er will
herausfinden, welche Rolle sein neuer Arbeitgeber in diesem
undurchsichtigem Fall spielt. Er ahnt bereits, dass es bei all diesen
kriminellen Vorgängen um schmutzige Geschäfte auf politischer Ebene
geht. Dabei misstraut in diesen Kreisen jeder jedem, und am Ende bleiben
fast alle auf der Strecke, denn es stellt sich schließlich heraus, dass
mehrere Beteiligte auf unterschiedlichen Seiten buchstäblich über
Leichen gehen.

Bis De Luca die Zusammenhänge klar sind, gibt es für ihn und Giannino
einiges zu ermitteln und aufzudecken, wobei sie nicht immer die
richtigen Schlüsse ziehen. Das Miteinander und zuweilen auch
Gegeneinander des erfahrenen Polizisten, verbittert, häufig gereizt und
grantig auf der einen Seite und des unbekümmerten, enthusiastischen,
lebenslustigen jungen Agenten auf der anderen hat Charme und trägt nicht
unerheblich zum hohen Unterhaltungswert der Story bei, die allein schon
aufgrund des örtlichen und mehr noch zeitlichen Hintergrunds Interesse
weckt. Der zweite Weltkrieg liegt nicht lange zurück und der kalte Krieg
hat begonnen. Lucarelli
hatte einen famosen Einfall, um uns das Lebensgefühl und die besonderen
Umstände dieser spannenden Epoche nahe zu bringen. Mehrmals untermalt
er seine Geschichte mit Inhaltsangaben verschiedener Magazine und
Illustrierten, die ein sehr interessantes Schlaglicht auf die Zeit
werfen und auf das, was die Öffentlichkeit damals interessierte und
bewegte.

Bologna ist zu jener Zeit trotz der Kriegsschäden offenbar eine sehr schöne Stadt, die Lucarelli
auch entsprechend in Szene setzt. Das Straßenbild wird bestimmt durch
die schönen alten Automobile der Nachkriegszeit, fast ausschließlich
italienische Modelle, an denen Lucarelli
offenbar Gefallen findet, häufig und oft ausführlich beschreibt er die
Fahrzeuge. So tragen die Lancias und Fiats und Alfa Romeos, die
Topolinos und Giuliettas dazu bei, die Stimmung jener Jahre einzufangen,
wie auch die leiblichen Genüsse, denen vor allem Giannino sich mit
Vorliebe widmet, einschließlich ungezählter Caffè und Cappuccini. Hinzu
kommen musikalische Belege für die frühen fünfziger Jahren, viele Zitate
der zeitgenössischen italienischen leichten Muse rund um die Stars des
wichtigen Sanremo-Festivals vermitteln dem Leser das besondere Gefühl jener Zeit, die ja auch eine Epoche des Aufbaus und des Aufbruchs ist.

Mehr noch als von der stimmigen Atmosphäre, der realistischen Wiedergabe jener oft auch düsteren Jahre, dem zwielichtigen Milieu der unterschiedlichen Geheimdienste und ihrer Agenten, die bei ihrem schmutzigen Geschäft gezeigt werden, lebt der Roman von seinen starken und sehr lebendigen Figuren, die Lucarelli äußerst präzise und plakativ ausgeführt hat und die beim Leser unwillkürlich Emotionen hervorrufen. Und natürlich von der Spannung, die durchgängig von Beginn an bis zum letzten Kapitel anhält. Nur selten wird der geradlinig vorangetriebene, gut strukturierte Plot unterbrochen von Einlassungen zum Innenleben De Lucas, etwa dann wenn ihm Zweifel an seinem Tun kommen oder wenn er unsicher ist, was seine Gefühle für Claudia betrifft. Wie es sich für einen Roman gehört, der in Bella Italia spielt, gibt es aber auch heitere Momente, optimistische, lebensbejahende Augenblicke, die Leichtigkeit vermitteln und Zuversicht verbreiten. Auch das kann Lucarelli hervorragend. An dieser Stelle ein großes Lob der Übersetzerin Karin Fleischanderl, die den wunderbar ungezwungenen und doch packenden, modernen Stil des Autors perfekt trifft und den mal unbeschwerten, mal lakonischen Ton des Originals kongenial wiedergibt.
Mit der Reihe um Kommissar De Luca ist ihm ein großer Wurf gelungen, die Krimis aus Bologna gehören zweifellos zum Besten, was das Genre zur Zeit nicht nur in Italien bietet.

Rezension und Foto von Kurt Schäfer.

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