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„Zum Mittagessen gab es Schmetterlinge“ – Leben mit einem mehrsprachigen Kind

Artikel und Erziehungsratgeber zum Thema zwei- und mehrsprachige Erziehung gibt es heute wie Sand am Meer. Ihr Tenor hat sich in den letzten 30 Jahren sehr gewandelt: ging man früher davon aus, dass zweisprachige Kinder in ihrer verbalen Ausdrucksfähigkeit hinter Gleichaltrigen zurückbleiben könnten und sie am Ende „viele Sprachen, aber keine richtig“ sprechen würden, weiß man es heute „besser“.

Mehrere Sprachen – viele Vorteile

Im Internet finden sich zahllose Lobeshymnen auf zwei- oder mehrsprachige Erziehung. Man ist sich sicher, dass es ein Zuviel an Sprachen nicht geben kann, man ist sich darüber hinaus sicher, dass bilinguale Erziehung möglichst frühzeitig – am besten schon im Mutterleib – beginnen sollte. Kinder profitierten in jedem Fall davon, sie seien geistig flexibler und leistungsfähiger – eine Qualität, die in unserer Gesellschaft einen deutlichen Wettbewerbsvorteil verspricht.

Ich kann Eltern verstehen, die aufgrund solcher Beschreibungen unter Druck geraten und befürchten, ihr Nachwuchs sei durch eine rein monolinguale Erziehung im Nachteil: fremdsprachige Kindergärten schießen wie Pilze aus dem Boden, zumindest Englisch sollte ein- bis zweimal wöchentlich im Lehrplan einer Kinderkrippe auftauchen.

Auch aus diesem Grund ist die Lebenswirklichkeit bilingual aufwachsender Kinder zunehmend variantenreicher und breitgefächerter. Es handelt sich nicht nur um Kinder mit der Mama aus einem Land und dem Papa aus einem anderen. Teilweise sind es Kinder, deren Eltern sich jeweils bereits in zwei Sprachen gleichermaßen zu Hause fühlen, manchmal leben diese Familien außerdem noch in einem Land, dessen Sprache keiner von Beiden gut spricht. Nicht selten leben sie in diesem Land nur für ein paar Jahre, bevor es in ein weiteres – noch unbekanntes – Land geht. Und nicht unerwähnt sollen die Kinder bleiben, die eine Zweitsprache erlernen, deren ihre Eltern nicht mächtig sind. Längst kann man nicht mehr bei jedem gleichermaßen eine „Mutter-“ und eine „Vatersprache“ identifizieren.

Manche Kinder wachsen „simultan mehrsprachig“ auf, das heißt, sie kommen bevor sie das dritte Lebensjahr erreichen, mit der Zweitsprache in Kontakt, sie lernen die Sprachen gleichzeitig. Im Gehirn bildet sich entsprechend nur ein neuronales Netz für beide Sprachen aus. Anders als bei Kindern, die „sequenziell mehrsprachig“ aufwachsen: kommt erst nach dem dritten Geburtstag eine Zweitsprache hinzu, werden die beiden Sprachen getrennt voneinander in benachbarten Hirnarealen abgespeichert und verarbeitet. Trotzdem sind auch diese Kinder potentiell dazu in der Lage, in der Zweitsprache dieselbe Kompetenz wie in der Erstsprache zu erwerben. Und auch nach der Kindheit bietet Mehrsprachigkeit noch Vorteile: weitere Sprache werden in der Regel schneller gelernt – sie „docken“ ganz einfach an die bereits erworbenen Sprachen an.

Man geht davon aus, dass bi- bzw. multilingual aufwachsende Kinder grammatikalische Regeln leichter erfassen, da sie über ein größeres metasprachliches Wissen verfügen. Tatsächlich sind sie häufig auch im Lösen nicht-sprachlicher Aufgaben im Vorteil. Auch gibt es Studien, die mehrsprachigen Kindern ein größeres Einfühlungsvermögen bescheinigen, da sie in dem Bewusstsein aufwachsen, dass es neben ihrer (Sprach-)Welt noch weitere Welten gibt, die ebenso wie die ihre eine Daseinsberechtigung haben.

GERADE DAS MACHT – meines Erachtens – MEHRSPRACHIGE ERZIEHUNG SO SPANNEND. Gerade darin sehe ich ein enormes Potential für unsere Gesellschaft, das weit über einen bloßen Wettbewerbsvorteil hinausgeht.

„ABER KANN MAN BEI MEHRSPRACHIGER ERZIEHUNG NICHT AUCH VIEL FALSCH MACHEN?“ „WELCHE REGELN MUSS MAN BEFOLGEN, DAMIT SIE GELINGT?“ – das sind die Fragen, die ich am häufigsten höre.

Und meine Antwort ist einfach: Ich denke es reicht, wenn mehrsprachige Erziehung (wie Erziehung im Allgemeinen) authentisch ist. Sie muss gelebt und empfunden werden und es sollte allen Beteiligten gut damit gehen.

Weiterhin sollte man sich nicht verunsichern lassen. Heute noch habe ich einen schönen Spruch von Natalia Pérez González, Referentin für Mehrsprachigkeit, Sprachberaterin und Elternbegleiterin, gelesen: „Mehrsprachige Kinder brauchen selbstbewusste Eltern, die ihre Sprache nie aufgeben, egal, was die Anderen denken, weil sie überzeugt sind, dass sie das Richtige machen“.

Insofern kann und werde ich keine „Empfehlungen“ geben. Wer das sucht, wird bei Google massenhaft fündig.

Ich möchte ermutigen, den eigenen Weg zu gehen. Und vielleicht können ein paar Anekdoten und Beispiele aus der Praxis dabei helfen zu verstehen, wie vielfältig die Möglichkeiten sind.

Es muss nicht perfekt sein. Es reicht, wenn es gut genug ist.

Ich habe das Glück, seit vielen Jahren mit Kindern zu arbeiten, die mehrere Sprachen (mehr oder weniger gut) beherrschen und von ihnen zu lernen.
Ich habe zudem das Glück, selber mehrere Sprachen zu sprechen. Auch mehr oder weniger gut.
Bereichernd für meine Arbeit empfand ich vor allem den Umstand, dass ich in mittlerem Lebensalter noch einmal eine ganz neue Sprache lernen durfte und zwar mit allem, was dazu gehörte: mit Höhen und Tiefen, als Trägerin einer reichen Kultur sowie einer ganz eigenen Art, sich auszudrücken. Das Ganze zudem reich untermalt von nonverbalen Elementen wie Gestik und Mimik.
Richtig: es handelt sich um Italienisch!

Ich begreife immer mehr, was Wittgenstein meinte mit seiner Aussage, die Grenzen seiner Sprache seien die Grenzen seiner Welt.
Wir lernen eben mit einer neuen Sprache nicht nur deren Wörter und Grammatik, wir erwerben eine Sicht auf die Welt, die einzigartig und auf diese Art und Weise eben nur in dieser einen Sprache repräsentiert ist.

Was bedeutet dies aber nun im Hinblick auf zweisprachige Erziehung? Und was kann man tun, damit diese gelingt?

Man ist sich heute einig, dass mehrsprachige Erziehung vorteilhaft ist und dass sie gelingen kann, wenn die Rahmenbedingungen stimmen.
Wie sehen aber diese idealen Rahmenbedingungen aus? Oder besser: gibt es sie?

Schauen wir uns die Lebenswelt einiger bilingualer Kinder an.
Da ist zunächst meine Tochter: Zweisprachig mit Papa und Umfeld Italienisch und Mama Deutsch. Im Alter von 3 landete sie zudem noch eher zufällig auf einer englischsprachigen Schule.
Sie trennt alle Sprachen perfekt voneinander und schafft es kaum, mir auf Italienisch zu antworten, selbst, wenn ich sie auf Italienisch anspreche (aus Rücksicht auf weitere Anwesende).
So kam es eines Tages dazu, dass sie mir ganz selbstverständlich auf meine Frage, was es im Kindergarten zu Essen gegeben habe, antwortete: „SCHMETTERLINGE!“.
Es dauerte einen Moment bis ich diese im ersten Augenblick exotisch anmutende Antwort verstand: Natürlich! Sie hatten „Farfalle“ gegessen.
Das als so wichtig erachtete Element mehrsprachiger Erziehung, nämlich, die Sprachen streng zu trennen, scheint im Falle meiner Tochter gelungen zu sein. Warum ist das so? Habe ich es besser gemacht als meine Freundin in derselben Sprachkonstellation, deren Tochter ihr meist auf Italienisch antwortet, obwohl auch sie überwiegend Deutsch mit ihr spricht?
Bestimmt hilft mir der Umstand, dass ich als Sprachtherapeutin mir meines Sprechens meist sehr bewusst bin. Vielleicht hilft auch der Umstand, dass meine Tochter relativ sprachbegabt zu sein scheint, während die Tochter meiner Freundin offenbar eher das künstlerische Talent ihrer Eltern mitbekommen hat.
Ich glaube aber, entscheidend ist eher ein anderer Faktor: der, der Authentizität.
Unsere Töchter wurden etwa zur gleichen Zeit geboren. Da lebte meine Freundin aber bereits seit Jahren in Italien und ihr Italienisch war ihre Alltagssprache geworden. Sie lebte und erlebte auf Italienisch.
Ich hingegen lebte erst seit kurzer Zeit hier und ich bin überzeugt, meine Tochter spürte, dass sie aus Rücksichtnahme und Mitgefühl mit ihrer Mama ausschließlich Deutsch sprechen müsse, weil Mama sonst vermutlich nichts verstehen würde.
Noch heute verbessert sie mich gerne.

Ich würde sagen, bei meinem Kind sind beide Sprachen in etwa gleich stark. Trotzdem hört man, dass sie „anders“ spricht als andere deutsche Kinder. Die Sprachmelodie ist ein bisschen anders, die Gestik und Mimik deutlich stärker ausgeprägt und mit ihren 5 Jahren macht sie noch grammatikalische Konstruktionen, bei denen man die italienischen Wurzeln nicht verleugnen kann. Ich würde behaupten, sie denkt und fühlt überwiegend auf Italienisch.

Wie bereits beschrieben, halten wir uns in unserer Familie relativ streng daran, dass ich nur Deutsch mit meiner Tochter spreche und mein Mann nur Italienisch (er kann kein Deutsch). Je grösser sie wird, desto mehr wird das aber zum Problem, wenn wir alle zusammen sind.
Meist sprechen ich sie auf Deutsch an und wiederhole mich selbst noch einmal wie ein Echo auf Italienisch, damit mein Mann sich nicht ausgeschlossen fühlt.
Für alle, die jetzt ganz spontan denken „Soll er doch Deutsch lernen!“: Ja.
Theoretisch wäre das eine wunderbare Lösung des Problems. Vermutlich werden wir dann aber frühestens zur Hochzeit meiner Tochter zusammensitzen und das erste gemeinsame Gespräch haben. Solange sie uns keinen Ausländer mit nach Hause bringt. Dann würde es kompliziert …
Was also tun? Richtig, wir könnten ja einfach Italienisch sprechen!
Aber ach nein, das soll man ja nicht, sie soll doch auch Deutsch lernen.
Unsere Idee: wir wollen demnächst Englisch als Familiensprache einführen – das verstehen wir alle.
Ist das aus Expertensicht das „Richtige“? Nicht unbedingt, viele Sprachwissenschaftler raten davon ab, mit Kindern eine Sprache zu sprechen, die nicht die eigene ist.
Auch ich hätte das vor einigen Jahren noch genauso gesehen. Aber: man muss auch Kompromisse machen, damit der Rest stimmt. Es geht im Leben ja glücklicherweise nicht nur um das möglichst perfekte Erlernen einer Sprache (oder mehrerer). Es geht ja auch – und vor allem – um das Reden miteinander, um Lachen, um Fehler machen dürfen und vor allem darum, sich zusammen wohl zu fühlen.
Für uns scheint es momentan eine gute Möglichkeit und wir müssen halt sehen, wie es klappt.

Auch dazu möchte ich andere zwei- oder mehrsprachig Erziehende ermutigen: probiert aus, was für EUCH passt. Lasst euch nicht von anderen über einen Kamm scheren. Jede Familie ist anders und was für den einen passt, kann für den anderen völlig daneben sein.

Ich habe Familien getroffen, die italienische Muttersprachler sind, es aber wichtig fanden, Englisch an die Kinder heranzuführen. Sie taten das ausschließlich in Form von Befehlen: „Sit down!“, „Come here!“, „Don’t touch that!“
Auf den ersten Blick kurios (in Italien hat man lange so seine deutschen Schäferhunde erzogen – „Sitz!“, „Bei Fuß!“), aber wer weiß. Die Kinder mögen Englisch vielleicht nicht als freudvollste aller Sprachen erleben, aber wer weiß, was die Eltern dazu bewogen hat, so und nicht anders zweisprachige Erziehung zu leben.

Ich persönlich schimpfe und streite am liebsten auf Italienisch. Sollte mich in diesen Momenten jemand daran erinnern, dies lieber auf Deutsch zu tun, damit meine Tochter es „anständig“ von mir lernt?
Mag sein – aus sprachwissenschaftlicher Sicht. Tatsache ist: ich kann es nicht. Ich habe es nie gelernt, bei uns zu Hause waren negative Gefühlsäußerungen oder gar Aggression verpönt. Ich kann es nur auf Italienisch. Und – ich genieße es.

Um eine Sprache zu sprechen, muss ich diese Sprache fühlen können mit all ihren Facetten. Mein Kind erlebt, dass es bestimmte Sachen so nur auf Deutsch ausdrücken kann, andere so nur auf Italienisch.

Lebt man seine Sprache, wird auch klar, was „Codeswitching“ (während des Sprechens zwischen den Sprachen hin- und her zu springen) bedeutet und warum es nicht ein Zeichen dafür ist, dass mit dem bilingualen Spracherwerb etwas schiefgelaufen ist, sondern im Gegenteil. Es bedeutet die Fähigkeit, die gesprochene Sprache zu erweitern und zu ergänzen und jeweils die Sprache auszuwählen, in der man am besten vermitteln kann, was man meint.
Meine Tochter mag sagen, es gab „Schmetterlinge“ im Kindergarten zu Essen, da sie mit mir ja ausschließlich Deutsch redet. Frage ich sie danach aber auf Deutsch, wie es geschmeckt hat, wird sie vermutlich sagen: „Buonissimo!“ und die entsprechende Handbewegung wird es mir zusätzlich verdeutlichen, wie gut es war.

Das Wichtigste für mich an zweisprachiger Erziehung, ob bei uns zu Hause oder in meinem wunderschönen Beruf ist nämlich das: eine Sprache wird nur erworben werden, wenn es Spaß macht, sie zu sprechen und Vorteile bringt, sie zu sprechen und für mich persönlich Sinn macht.

Eine Sprache erlernen heißt, sie zu erleben und sie zu leben.

Eine Sprache dann auch noch zu perfektionieren braucht Motivation und Zeit. Die beste Unterstützung, die man einem Kind hier geben kann, ist: echte, authentische Gesprächssituationen schaffen, dem Kind interessiert zuhören und dabei mehr dem Inhalt als der Form zugewandt bleiben. Anerkennen und loben, wenn es sich traut, Neues auszudrücken (auch mit Fehlern) und natürlich, wenn es Fortschritte macht.
Und daran denken, dass jedes Kind anders ist und seine eigenen Rhythmen und zeitlichen Abläufe hat – hat ein Kind Lust und Interesse an einer Sprache, wird es sie mit der Zeit auch lernen.

Zum Autor: Nadja Herkner ist Pädagogin und Logopädin. Sie bietet Sprachförderung in der Deutschen Ecke Mailand an.

Über Gastautor (7 Artikel)
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