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Auswanderer - Portraits

Fast 20 Jahre Italien, eine Bilanz

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Auswanderer - Portraits Immobilien

Wer mit offenen Augen träumt, hat mehr vom Leben

(frei nach E. A. Poe)

Vom Suchen und Finden eines Traumhauses in Umbrien

Wir waren kurz davor, aufzugeben, als unsere mühselige Suche nach einem typischen Landhaus in Umbrien, im grünen Herzen Italiens, doch noch belohnt wurde. Es sollte selbstverständlich umringt sein von leuchtenden Sonnenblumenfeldern und einen traumhaften Ausblick bieten auf sanfte Hügellandschaft. Zypressen und Olivenbäume durften auch nicht fehlen – wie man sich das eben so vorstellt …

Immer schon hatte ich von einem eigenen B&B in Italien geträumt, trotz der unsicheren Wirtschaftslage Südeuropas, trotz der hohen Lebenshaltungskosten und wohlwissend, daß ein Leben in Italien nicht so einfach ist, wie es scheint. Damit hatte ich bereits während der Schulzeit unserer Kinder in der Lombardei Erfahrungen sammeln dürfen. Doch als auch das letzte unserer drei Kinder von zuhause auszog, schien mir die Zeit für einen neuen Lebensabschnitt gekommen.

Schon während meiner Studienzeit hatte mich diese stolze etruskische Kleinstadt Perugia mit ihrer einzigartigen Topografie fasziniert und nicht mehr losgelassen. Die mittelalterliche Fontana Maggiore, als schönster Brunnen der Welt bezeichnet, in der Platzmitte ist Treffpunkt sozialer Verbindungen, die Treppenstufen der umliegenden Gebäude füllen sich abends innerhalb kürzester Zeit mit Menschen, die aus allen Gassen strömen. Dort unter den Arkaden wird Gitarre gespielt, andere singen Lieder, es wird getanzt …

Später, als wir als junge Eltern immer wieder Familienurlaube in diesem wunderschönen Umbrien verbrachten, wuchs die Liebe zu dieser Region, seiner wilden Landschaft, den etruskischen Städtchen und Dörfern, und zu den überaus liebenswerten Einwohnern mit jedem Besuch.

Umbrien ist in Sachen Hauskauf kein Schnäppchenparadies, manch ausgefuchster Hausbesitzer klammert sich oft jahrelang an seine pittoreske Ruine. Er schaut zu, wie die Preise auf dem Immobilienmarkt steigen und steigen, um sich dann die Hände zu reiben, angesichts des Vermögens, das auf ihn wartet, wenn er sich dann eines Tages zum Verkauf entschieden hat. Soviel hatten wir auch bereits gehört.

Es hat lange gedauert, bis wir endlich begriffen hatten, daß die Suche nach einem halbwegs gut erhaltenen Landhaus (casale), zu einem fairen Preis, fast unmöglich ist. Egal, ob Kleinanzeigen in Lokalzeitungen, mehr oder weniger seriöse Internetportale, „Vendesi“ Schilder oder Werbungsanzeigen in Schaufenstern oder an Schwarzen Brettern, und vor allem Immobilienmakler haben uns diesem Ziel nicht wirklich nähergebracht. Es mußte ein anderer Plan her.

Also bemühten wir uns, mit jedem Besuch in Umbrien, neue Kontakte zu schließen, was viel leichter war, als gedacht. Egal, ob Gastwirt, Tankwart, Kellner, Koch, Weinhändler, Agronom oder Bürgermeister, überall lächelte uns uneigennützige Hilfsbereitschaft entgegen, wie wir sie noch selten erlebt haben. Unglaublich, aber wahr: Sogar unpersönliche Emailanfragen an unbekannte B&B- und Agriturismo-Besitzer wurden alle ausnahmslos beantwortet!

In einem Café in Castiglione del Lago bekamen wir dann den entscheidenden Tipp und fuhren, warum auch immer, mit einer vagen Hoffnung, da die Informationen über Haus und Besitzerin uns neugierig machten, zu diesem Landhaus. Wir wußten bereits , daß es viel zu groß war und die ursprünglich von uns angedachten Grundmaße weit überschritt. Das „Traumhaus“ schlechthin findet man nie, soviel hatten wir bereits gelernt.

Als wir die holprige Zufahrtsstrasse hinunterkamen, war es auch nicht Liebe auf den ersten Blick, aber dennoch empfanden wir etwas Besonderes, irgendwie beschlich uns dort ein positives Gefühl. Abgesehen von der sympathischen, herzensguten Verkäuferin, die uns schon bald auch mehrmals im Haus übernachten ließ, merkten wir bald, da ist etwas…

Ich entdeckte die Schönheit dieses Landhauses: die Terrakotta Ziegel, die von der untergehenden Sonne in strahlendem Gelb-Rot-Orange leuchteten; den Hof, der den Ausblick auf die wunderschöne toskanische Landschaft eröffnen könnte, wäre er nicht so zugewuchert von unzähligen, nie geschnittenen Pflanzen und Sträuchern und Bäumen, die fast bis ins Haus hineinragten; dass das Landhaus bereits 450 Jahre alt ist und seine eigene Geschichte erzählt; die dicken Mauern und z.T. großen Räume, die mit wunderschön passenden Möbeln ausgestattet waren; das Riesentor zum gut erhaltenen, alten Stall, in dem die schweren Eisenringen auf die Rinder und Ochsen zu warten schienen, so manches Geburtsjahr eines Kälbchens war dort in die Wand geritzt. Und dann … war da noch die einfach unglaubliche Ruhe um dieses Anwesen …
Mein Mann als Ingenieur entdeckte das technische Potential, das in diesem Haus steckte. Der mit einem Immobilienkauf in Italien einhergehende ganze bürokratische Aufwand rückte jetzt in unseren Köpfen erst einmal in den Hintergrund.

Wir hatten das große Glück, den Nachbarn des potentiellen Kaufobjekts bereits kennengelernt zu haben; Ivo hatte als Kind in dem Haus gespielt, kannte es in- und auswendig. In seiner Funktion als ausgebildeter Techniker „geometra“ garantierte er uns, daß das Landhaus nicht übermorgen zusammenbrechen würde. Zusätzlich ließen wir uns auch noch die gute Bausubstanz von einem professionellen Bauunternehmer bestätigen, sodaß wir nach ca. vier Monaten den Vorvertrag unterschrieben haben. Unsere Angst vor baulichen Mängeln und stadtplanerischen Störungen war fast ganz verschwunden. Nach so manch schlafloser Nacht, kam dann endlich der große Tag und wir konnten beim Notar den endgültigen Kaufvertrag unterzeichnen und uns in die Renovierung dieses schönen, guterhaltenen Casale stürzen.

Ein ehrlicher und realistisch denkender Architekt mag zwar einen gewissenhaft ausgeführten Kostenplan präsentieren, aber weder die tatsächlichen Kosten einer Hausrenovierung, noch irgendein Zeitplan lassen sich auch nur halbwegs einhalten – so hatte man uns gewarnt. Wie recht sie alle hatten.

Mit viel Optimismus gewappnet, mutig und immer das Resultat vor Augen schlugen wir uns mit Handwerkern wie Gärtnern, Klempnern und Elektrikern herum, aber unter Aufsicht unseres befreundeten Nachbarn Ivo – mit entsprechend guten Kontakten zu den zuständigen Behörden – verlief die Renovierung überwiegend harmonisch. Das lag auch daran, daß ich immer vor Ort und ansprechbar war. Zugegebenermaßen habe ich sehr viel selbst mit angepackt – anderen beim Arbeiten zuzusehen, liegt mir nicht. Natürlich machten wir manchmal zwei Schritt zurück und nur einen vorwärts. Aber es gab auch sehr viele schöne Momente, wo wir beispielsweise mit dem ein oder anderen oder mehreren Handwerkern am improvisierten Mittagstisch saßen und einen einfachen Teller mit Pasta aßen. Auch die Einheimischen gaben uns viele gute Tipps, und manches Mal kamen die Nachbarn vorbei, um uns ihren halben Gemüsegarten oder frisch gelegte Landeier vorbeizubringen. Das ist übrigens heute noch so. Wir haben ein tolles Verhältnis und wissen, daß wir uns aufeinander verlassen können.

Nach guten 1 1/2 Jahren war unser Landhaus endlich bezugsfähig und für Gäste vorbereitet. Ich widmete mich über die Wintermonate einer neuen Website für unser B&B (schaut´s euch gerne einmal an, ihr seid jederzeit willkommen! – www.casalauretana.com). Letzte Behördengänge wurden erledigt … und auf einmal standen die ersten Gäste vor der Tür.

Unsere Erfahrung hat gezeigt, daß der Hauskauf und die Umsetzung in ein B&B in Italien viel Mut und Vorbereitung erfordert. Und natürlich Beratung zu den rechtlichen Aspekten, um nicht in Fallen zu tappen, die teuer werden können! Wer wagt, gewinnt!
Wahrscheinlich haben wir unbewußt die nötigen Voraussetzungen mitgebracht, um genau hier, in einer der schönsten Gegenden Italiens, glücklich zu werden.

Natürlich ist es unabdingbar, die italienische Sprache zu beherrschen, nicht nur um mit Handwerkern zu kommunizieren, sondern auch um Regeln und Vorschriften zu verstehen. Rückschläge und Schwierigkeiten auf diesem langen, arbeitsreichen Weg in Umbrien wurden immer belohnt, sei es mit der Freundlichkeit von Amtsinhabern (der nette Beamte auf dem Finanzamt in Perugia empfahl mir während des Ausfüllens eines wichtigen Formulars freudestrahlend die besten Metzgermeister in meiner Nähe!), sei es mit dem schönen Wetter, der herrlichen Umgebung oder der unglaublich leckeren italienischen Küche, aber vor allem mit der Herzlichkeit und Lebensfreude der Umbrier. Bis heute habe ich in Umbrien auf keiner Behörde unfreundliche Beamte erlebt! Sicher, die italienische Bürokratie ist verzwickt und umständlich – man darf nicht aufgeben! Es ist normal, mehrmals auf ein Amt gehen zu müssen, aber, das haben wir auch gelernt: man sollte dabei die richtige italienische Begleitperson dabeihaben, dann ist auf italienischen Behörden Alles möglich. Forza!
Wenn auch ihr mit offenen Augen träumt … von einem Hauskauf in diesem wunderschönen Land … wir stehen euch gerne mit Rat und Tat zur Seite.


Barbara Kollmann ist nach mehreren Stationen auf ihrem Weg in Petrignano del Lago in Umbrien angekommen. Dort führt sie das B&B Casa Lauretana.

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Auswanderer - Portraits Homeschooling

Projekt-Tipp: Freilerner-Gemeinschaft in Kalabrien

Daniel, seine Frau Isa und die kleine Eime* leben seit sieben Jahren in einem kleinen Dorf in Kalabrien und sind dabei, eine Gemeinschaft zum freien Lernen und zur freien Entfaltung aufzubauen.

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Auswanderer - Portraits Bücher

Ausgewandert, in das Land, in dem die Zitronen blühen … Italien!

Ende 2009 habe ich es gewagt, ganz allein mit Sack und Pack nach Italien auszuwandern, ohne zu wissen wo ich einmal eine Bleibe finden werde, es sollte nur im Fontanabuona-Tal, in der Nähe meiner italienischen Freunde sein.

Mein größter Wunsch war, nach dem Arbeitsleben, meinen “Un“ruhestand ganz in Italien verleben zu können, der langsam gewachsen ist, aber mich von Jugend an irgendwie immer begleitet hat. Er wurde von meinem Vater und der Musik von Verdi übertragen. Er war als Sanitäter im letzten Weltkrieg in der Toskana, in der Nähe von Siena, einige Zeit dort stationiert. Seine große Leidenschaft für Italien wurde in dieser Zeit geweckt. Nach dem sehr frühen Tod meines Vaters, wuchsen die Gedanken stetig heran, dieses Land einmal zu bereisen, damals im Besonderen die Toskana. Als ich Ende der 1980er Jahre, auf den Spuren meines Vaters, das erste mal mit meiner Mutter Italien bereiste, wurde ich von diesem Land direkt vollkommen eingenommen und infiziert. Die Eindrücke haben mich überwältigt und ich war noch nie vorher von einer Reise und von einem Land und den Menschen so fasziniert und begeistert. Die großen Kulturschätze, der morbide Charme der mittelalterlichen Städte / Dörfer, die Natur, das sehr gute Essen und vor allem die Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen. Im Besonderen Ihre unendliche Lebensfreude und Sinnlichkeit.

Eigentlich kein Wunder, denn schon seit vielen Jahrhunderten haben sich Schriftsteller, Maler, Künstler, Komponisten, Musiker und viele mehr, von diesem Land und den Menschen inspirieren und verzaubern lassen.
Aber auch in Italien gibt es Sonnen- und Schattenseiten. Wichtig ist nur, dass individuell für einen selbst die Sonnenseiten überwiegen und dieses ist für mich, in einem so sinnlich geprägten Land, wie Italien, leicht zu erreichen.

Natürlich ist in Italien so gut wie nichts perfekt, aber muss es das denn sein? Auch ich muss zugeben, das mich manchmal das ein oder andere noch mal etwas nerven kann, aber es liegt wohl mehr an meiner immer noch nicht ganz abgelegten Ungeduld. Der Strom kann öfters mal für kurze Zeit ausgehen oder beim Duschen fehlt etwas der Wasserdruck etc., aber ich denke, da kann man doch drüber hinwegsehen, wenn die Lebensqualität überwiegt.

Ich habe vorher 20 Jahre lang Italien jährlich mit dem Auto bereist und erkundet. Nun lebe ich im neunten Jahr hier und kann für mich sagen, es war die beste Entscheidung in meinem Leben, hier nach Ligurien ausgewandert zu sein, denn ich habe mein kleines Paradies gefunden. Ausschlaggebend ist natürlich auch, dass ich hier mit so viel Herzlichkeit aufgenommen worden bin und wie ein Familienmitglied integriert worden bin. Die Italiener wissen, wie man auch mit wenig Möglichkeiten dem Leben unzählige Freude und Genuss abgewinnen kann – es sind wirkliche Lebenskünstler. Da ich nun viel Zeit und Muße hatte, kam mir 2017 die Idee, meine Italienerlebnisse im Besonderen und noch zwei weitere, der schönsten und aufregendsten Stationen in meinem Leben zu Papier zu bringen. Das Buch ist direkt beim Verlag bestellbar, oder bei Amazon.

Zum Autor: Beate Ferger wurde 1947 in Goslar geboren. Mit 14 Jahren zog sie mit ihren Eltern an den Rhein, in die Nähe von Koblenz. Nach dem Gymnasium und weiteren Fortbildungen hat sie erst beruflich und dann geschäftlich ganz Deutschland und viele Länder in Europa bereist. Unendlich viel gesehen und oft mit großer Faszination aufgenommen und in ihren Erinnerungen tief verankert. Ihre Risikofreude und Begeisterungsfähigkeit hat sie viel wagen und Abenteuerliches erleben lassen.
Hier geht es zu ihrer Autorenseite, und hier zu einer kostenlosen Leseprobe zu ihrem Buch.

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Alltägliches Auswanderer - Portraits

Interview: Auswandern ohne Job? Selber gründen!

Helmut lebt auf Sardinien und arbeitet von dort im gesamten italienischen und europäischen Raum für Celestis. Hier seine Geschichte für unsere Rubrik „Auswanderer-Portraits“ als Interview.

Helmut, wann und wie bist Du auf Italien gekommen?

Im Jahr 2010/2011 war ich mit Kollegen auf der Suche nach neuen Investitionsmöglichkeiten im Bereich von Fotovoltaikanlagen. Bei dieser Suche rückte Italien, speziell Sizilien, in unseren Fokus. Ich muss gestehen, mit Italien hatte ich zuvor in meinem Leben nicht viel am Hut. Aber ich begann, Sizilien zu erkunden und mich nach Möglichkeiten umzuschauen. Bei einer solchen Aktion werden automatisch neue Kontakte geschlossen. Im Jahre 2012 war einer dieser Business-Kontakte meine heutige Lebensgefährtin. Meine Zurückhaltung und Skepsis spornten sie wohl an, mir Italien und insbesondere „ihre Insel Sardinien“, die ich zuvor nur von der Landkarte kannte, Stück für Stück näher zu bringen. Aus einer Einladung dorthin wurde dann eine dauerhafte Beziehung im doppelten Sinne.

(Wie) hast Du Deine Auswanderung vorbereitet? Wo hast Du die Schwerpunkte gelegt?

Meine Auswanderung habe ich gar nicht – im klassischen Sinne – vorbereitet. Dadurch, dass wir uns ständig gegenseitig besuchten, flog ich mit vollem Koffer hin und kam mit einem halbleeren wieder nach Deutschland. Was ich „vergaß“ in Sardinien zu lassen, entführte Sie bei ihrem Besuch in Deutschland dann nach Sardinien. So blieb immer ein Stück mehr von mir auf der Insel. Irgendwann waren wir des Pendelns müde und wir diskutierten über die Möglichkeit Sardinien als Lebensmittelpunkt zu wählen.

Und dann ging es los?

Ja, dann ging es los. Mit meinem gentechnischen Error für Sprachen, war mir klar, dass es nicht einfach wird, eine Form des Broterwerbs umzusetzen. Die wirtschaftlichen Verhältnisse in Italien waren mir bewusst und würden das Geldverdienen nicht vereinfachen. Klar, ich hatte den Vorteil, dass ich eine Sarda an meiner Seite habe, aber dies löst nicht alle Schwierigkeiten. Also musste eine andere Idee her. Zufällig schaute ich eine Reportage über den Einsatz von Drohnen, richtig bezeichnet als UAV oder RPAS. Dies in Verbindung mit meinen Kenntnissen über O&M für Fotovoltaik- und Windkraftanlagen setzte meine Fantasie für ein Geschäftsmodel in Gang. Ich recherchierte und recherchierte. Damals, 2013 waren die Welt – und das Internet – noch nicht so voll von Drohnen und deren Spezifikationen. Ich nahm mir ein halbes Jahr und etwas mehr Zeit für meine Recherche und eine Investition in dieses neue Marktsegment zu überdenken.

Dein Business ist ja nun recht spezifisch. Wenn ich es recht verstanden habe, bezahlen Leute Dich dafür, dass Du eine Drohne über ein Gebiet fliegen lässt und Fotos davon machst.

Sorry, dass ich grinse, aber du formulierst es genauso, wie viele Leute es sehen. Wir kommen, machen einige Fotos und wollen viel Geld dafür.
Es mag ja sein, dass einige ihr Geschäft so verstehen und versuchen so zu realisieren, aber es entspricht nicht dem professionellen Business.

Drohnen (UAV/RPAS), wie Celestis sie einsetzt, unterstützen oder ergänzen die Aktivitäten von Ingenieuren, Vermessern/Topografen und vielen anderen Spezialisten. Sie visualisieren und dokumentieren (zeitlich und geotechnisch) Aufgaben, wie industrielle Inspektionen, Inspektionen von Infrastruktur (Straßen und Brücken), Inspektionen von PV-Anlagen und Windkraftanlagen und vieles mehr und verdeutlichen – für jedermann verständlich – relevante Veränderungen (positiv wie negativ). Die Spezialisierung schreitet in vielen Bereichen voran und wird immer effizienter. Es ist ein Trugschluss zu glauben, nur weil man Bilder machen kann, kann man auch in dieses Geschäft einsteigen. Es beginnt damit, dass das Fluggerät (UAV/RPAS) für die unterschiedlichen Einsätze unterschiedlichen Eigenschaften mitbringen muss. Ich kann beispielsweise mit einem Quadro-/Hexa- oder Oktokopter keine 100 ha vermessen. Okay, geht schon, aber ist absolut ineffizient.

Ein weiterer Aspekt ist die Ausstattung, die sogenannte Payload, des Fluggerätes. Ist sie austauschbar und wenn ja, welche Payloads stehen zur Verfügung. Unter Payloads versteht man Kameras, Sensorik und andere Einrichtungen die an dem Fluggerät angebracht werden können.
Bei einer Inspektion von Rohrleitungen oder Brücken ist entscheidend, ob mein Equipment (die Payload) imstande ist, Microrisse zu visualisieren oder nicht, und dies an Stellen, die bisher nur unter schwierigen Bedingungen für Spezialisten erreichbar waren und durch den Einsatz von Drohnen effizienter und sicherer realisiert werden können. Diese Beispiele ließen sich beliebig fortsetzen. Wir lesen heute von vielen Einsatzmöglichkeiten für Drohnen, aber die Zukunft wird viel interessanter und spannender in diesem Segment.

Für einen solchen Einsatz bedarf es einer Vorbereitung und Nachbereitung. Dabei meine ich nicht die bildtechnische Analyse. Das Einsatzgebiet muss gemäß der Regeln für Luftfahrt nach kritisch oder nicht kritisch beurteilt und entsprechend vorbereitet werden. Sicherheitsvorkehrungen müssen eventuell getroffen, Behörden eingeschaltet, Genehmigungen eingeholt, Flugplanung erstellt werden und einiges mehr. In Abhängigkeit der Operation sind mindestens 3-5 Personen mit der erfolgreichen und sicheren Umsetzung des Auftrages beschäftigt.

Wenn man alle diese Punkte, neben den Anschaffungskosten, zusammenfügt, zeigt sich schnell, dass hier nicht nur für „ein paar Bilder“ viel Geld bezahlt wird, oder?

Stimmt! Wie war es, das Unternehmen in Italien anzusiedeln?

Ein Unternehmen in Italien anzusiedeln ist nicht schwierig. Arbeits- und kostenintensiv wird es, wenn ausländische Unternehmen sich daran beteiligen oder bei der Gründung ein Teil der Shareholder sind, dann beginnt der Papierkrieg und das Einkommen der Notare steigt, weil aber auch Alles notariell beglaubigt und übersetzt sein muss. Wichtig ist für Gründer von Unternehmen, dass sie der italienischen Sprache mächtig sind, damit sie die (Notar-)Urkunden und die Rechtslage verstehen. Dies müssen sie auch dem Notar bestätigen oder sie lassen auch dies (beglaubigt) übersetzen, was natürlich die Kosten steigert.
Mit einem pfiffigen Steuerberater/Wirtschaftsprüfer lässt sich eine Gründung zügig und effizient realisieren. Wir haben dies straff organisiert und in 2 Wochen vollzogen. Mein Gefühl war, dass die Beteiligten happy waren, als es zügig vollzogen war, weil ich sehr nervig sein kann, wenn etwas umgesetzt werden soll.

Was musstest Du alles beachten, und wie lange hast Du gebraucht, um alle permessi in der Tasche zu haben?

Die permessi haben im Grunde kein Problem dargestellt. Lediglich „il permesso“ von Enac (der italienischen Luftfahrtbehörde) war problematisch. Im Jahr 2014 war Enac noch nicht auf dem richtigen Pfad und panisch. Sie sahen überall Drohnen, die dann vom Himmel stürzen und Menschen verletzen. Sie wollten (und wollen) nicht die Verantwortung dafür, andererseits sollen sie die Genehmigungen erteilen. Dies hat sich dann mit der Zeit etwas geändert. Zwischen 2014 und 2017 änderten sich laufend die permessi, was zu hohem Aufwand, finanziell und arbeitstechnisch, führte.

Unternehmer in Italien stöhnen ja viel über hohe Abgaben. Wie siehst Du das?

Unternehmer stöhnen überall über zu hohe und zu viele Abgaben, welcher Form auch immer. Das ist kein Phänomen, das man nur in Italien antrifft. Abgaben sind nur mal dazu da, den Staat in die Lage zu versetzen, das soziale Gleichgewicht finanziell auszubalancieren, die Infrastruktur zu optimieren und vieles mehr. Ich denke, wenn die Menschen den effizienten Einsatz ihrer Abgaben erkennen könnten, würde sich die Zahl derjenigen reduzieren, die klagen. Aber hier in Italien ist es nun mal so, dass dieses Verhältnis zwischen Abgaben und effizientem Einsatz der Ausgaben in einem suboptimalen Verhältnis steht. Hinzu kommen andere Aspekte, die ich weiter nicht ausführen möchte, weil es den Rahmen sprengen würde. Ich für meinen Teil akzeptiere es und belaste mich nicht damit, darüber zu klagen.

Was würdest Du anders machen, wenn Du die Möglichkeit hättest, für das Auswandern nach Italien alles nochmal ganz von Vorne durchzuspielen?

Hast Du einen guten Rat für diejenigen, die gerade erst anfangen, ihren Umzug ins Bel Paese vorzubereiten?

Auf Anhieb fallen mir zwei wesentliche Punkte ein. Zum einen erlernt die Sprache zumindest in der Art und Weise, dass ihr euch unterhalten und bei Behörden euer Anliegen verständlich vorbringen könnt. Respektiert die italienische Kultur und Lebensweise und versucht sie als Teil von euch werden zu lassen. Die richtige Mischung aus cruco und Bella Vita lässt euch im Bel Paese ankommen, auch bei den Menschen, und erhöht die Lebensqualität. Zuletzt ein fast vergessener Rat: Gewöhnt euch daran (sehr) viele Gebühren mit einem bollo bezahlen zu müssen. 😊

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Auswanderer - Portraits Bücher

DOLCE VITA XXL?

Ich lebe seit 13 Jahren in Italien. Natürlich haben wir Deutschland nicht ganz den Rücken gekehrt. Zweimal im Jahr fahren wir über die Alpen, besuchen Familie und Freunde und nehmen all die Arzttermine wahr, die wir im Vorfeld organisiert haben.

Meist ist das Wetter nass und kalt, man steht mit beschlagener Brille an der Anmeldung überheizter Praxen, und wenn die Arzthelferinnen fragen, was man hier denn wolle, dann erwarten sie keine Antwort, die eine Blutabnahme nach sich ziehen könnte. Es ist mehr ein Vorwurf, wie man sich denn freiwillig aus dem Bel Paese entfernen und gegen dieses momentane Elend hier eintauschen könne.

Ich möchte all jenen, die diese Idealbilder im Kopf haben, keine Naivität nachsagen. Auch ich habe an viel Sonne (auch im übertragenen Sinne) geglaubt, als wir uns für Italien entschieden haben. All die Filme, die Kalenderblattansichten, die stimulierenden Lektüren, die Fotostrecken in Hochglanzmagazinen, die eignen Urlaube, ja selbst Kochbücher suggerieren eine nicht aufzuhaltende Glückseligkeit.

„Zuweilen singt die Callas“ lautet der Titel meines Buches, in dem ich unsere Erlebnisse zum Projekt Landhaus im Süden zusammengetragen habe. Ich bin kein Opernkenner, aber es gibt Arien, denen ich gerne lausche, wenn ich meiner guten Laune noch ein Sahnehäubchen oben drauf setzen möchte.

Zuweilen wird im Duden mit zu gewissen Zeiten, manchmal und in einigen Fällen definiert. Ich summe also nicht immerzu Tosca, weil es auch hier einen Alltag gibt mit Sorgen und wechselnden Gemütszuständen. Das kann der Frust sein, weil man sprachlich auf der Stelle tritt und im Kino wieder einmal nicht alles verstanden hat, oder die schwache Stromspannung, der niedrige Wasserdruck, der Arzttermin, der auf sich warten lässt, die teils ungeheizten Ristoranti im Winter, der Nebel, der sich nicht verziehen möchte, das Salz, das im Brot fehlt. Die Sehnsucht nach dem Leben, das man zurückgelassen hat.

Und wie würde es sich mit der Sehnsucht verhalten, wenn wir hier die Zelte abbrechen würden?

Das Wandern im fast menschenleeren Apennin, das intensive Leben mit den Jahreszeiten, der Blick von unserem Haus in eine Landschaft, die nie langweilig wird, die Centri storichi, der Aperitif auf der Piazza, die Herzlichkeit der Menschen, die Abendessen an langen Tischen, das eigene Olivenöl, die Kräuter, die ich ganzjährig aus dem Garten holen kann, die Sonne, die nicht immer, aber immer öfter scheint, das Meer, das sich fast immer in der Nähe befindet.

Auch all das würde fehlen!

Alles geht eben nicht. Es gibt Abzweigungen im Leben und die fordern Entscheidungen ab. Nicht immer freiwilliger Art. Wir haben uns freiwillig entschieden. Und wenn wir wieder über die Alpen in südliche Richtung fahren, dann ist der Kofferraum voll. Körnerbrot, Sauerkirschen, Blut- und Leberwurst in Dosen, festkochende Kartoffeln, Lesestoff und die ausgedruckten Blutwerte, die uns sagen weiter so!

 

 

Maria Hellmann (Jahrgang 56) lebte in den 80er Jahren mit Mann und Kindern in Madrid. Zurück in Deutschland erwachte wieder die Sehnsucht, nach einem Leben im Ausland. Zehn Jahre später bekam ihr Mann beruflich ein Angebot in Asien. Die Berichte an Freunde und Familie zum Leben weit weg von Zuhause, weckten bei ihr die Leidenschaft, sich schriftlich auszudrücken.
2004 ging es zurück nach Europa. Italien wurde die neue Wahlheimat, mit renovierungsbedürftigem Landhaus und viel Arbeit.
Ein Fernstudium für kreatives Schreiben folgte, als das Projekt Haus und Garten abgeschlossen war.
Zum Abenteuer „Landhaus in Italien“ hat sie einen sehr unterhaltsamen Roman geschrieben, in dem der Leser durch Suche, Fund und Ausbau geleitet wird und nebenbei auch erfährt, wie nah die schönen und widrigen Lebensumstände in Italien beieinander liegen können. Ein absolute Must Have, für alle, die in das Bel Paese auswandern möchten!

 

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Auswanderer - Portraits Flüchtlingskrise Institutionen

Flüchtlingskrise: Mit Dublin III zurück nach Italien

Über die Kommentare zum Artikel Flüchtlingskrise: Im Gastland Italien mithelfen kamen wir mit „dem Fall Majd“ und den Folgen des Abkommens „Dublin III“ für diejenigen, die es auf ihrer Flucht ersteinmal nach Italien verschlagen hatte, in Kontakt.

Unsere Leserin schrieb: „Wir hatten bis zum 8.3.16 hier einen syrischen „Schützling“, der bereits nach seinem Bleiberecht einen Ausbildungsplatz hätte. Nun hat ein deutsches Verwaltungsgericht entschieden, unser Freund muss nach Italien zurück, weil er dort angekommen sei. Gegen die Entscheidung wurde Einspruch eingelegt. Nun wurde unser Majid in der Früh um 3.00 Uhr am 8.3. von Beamten abgeholt und nach Rom geflogen. Dort ist er nach seinen Angaben in einem Heim in der Via Ennio Porrino 5 in Rom. Nach Auskunft der Deutschen Botschaft in Rom gibt es dort an der Adresse kein Heim. Wir haben von hier keine Möglichkeit weitere Recherchen anzustellen. Das Internet zeigt keine konkreten Ergebnisse.“

Das Dublinverfahren

Im Dublinverfahren, aktuell „Dublin III“, wird der für die Prüfung eines Asylantrags zuständige Staat festgestellt. Damit wird sichergestellt, dass jeder Asylantrag nur von einem Mitgliedstaat inhaltlich geprüft wird. Es ist das europäische Land für die Asylanträge verantwortlich, in dem der Antragsteller zuerst aufgeschlagen ist. Dabei ist es nicht erforderlich, dass dort auch ein Asylantrag gestellt wurde, sondern es reicht, dass Fingerabdrücke genommen wurden, und in der europäische Datenbank EURODAC hinterlegt.

In unserem Fall hatte also ein deutsches Gericht entschieden, dass sich letztendlich Italien um den Asylantrag von Majd zu kümmern hatte, und ihn abgeschoben. Wir hatten einige Mühe, ihn in Italien zu finden. Denn es war der deutschen Familie, die sich um ihn gekümmert hatte, zwar bekannt, dass er nach Rom gebracht worden war, aber die Adresse des Heimes in dem er untergebracht wurde, war z.B. der Deutschen Botschaft in Rom nicht als solche gemeldet.

Wir haben uns also an den evangelischen Kirchenverband in Rom gewendet, denn dort gibt es eine Stelle für Migration (Federazione delle Chiese Evangeliche in Italia, Mediterranean Hope). Die Sachbearbeiterin meinte, dass das angegebene Asylantenheim zugemacht worden wäre, und kontaktierte für uns die Einwanderungsbehörde der Hauptstadt (Ufficio Immigrazione di Roma Capitale) um dort um Hilfe zu bitten. Ihrer Erfahrung nach ist es sehr schwer, Flüchtlinge, die sich in Rom befinden „wiederzufinden“. Es sei denn, sie bleiben in ihrer zugewiesenen Unterkunft. Das ist nicht immer der Fall, oft verschwinden sie spurlos.

Was erwartet Flüchtlinge eigentlich in Italien?

Im Allgemeinen haben Personen, die im Rahmen des Dublin-III-Verfahrens nach Italien überführt werden, das Recht auf eine Unterbringung. Im Alltag entspricht der Staat diesem Recht allerdings häufig nicht, und so bleiben viele nach Italien abgeschobene Flüchtlinge sich selbst überlassen. Ohne Schlafplatz und ohne klare Äußerungen, wo sie im Asylverfahren stehen und wie es mit ihnen weitergehen kann.

Jede „Comune“ kümmert sich um die Unterbringung der dort ankommenden Flüchtlinge über ihr „Ufficio Immigrazione“. In Rom zum Beispiel ist das Centro Cittadino per le migrazioni, l’asilo e l’integrazione sociale zuständig. Einwanderer müssen sich in der Questura melden und erhalten dort einen weiteren Vorstellungstermin und einen Zettel, den sie bei Kontrollen vorzeigen können und mit dem sie beweisen, dass sie sich schon um ordnungsgemäße Einwanderung kümmern und keine „rein Illegalen“ (Clandestini) sind. Manchmal müssen erst einmal einige Nächte im Freien verbracht werden, und das ohne finanzielle Unterstützung, also noch nicht einmal für das Essen, bis in den zahlreichen Wohnheimen ein Platz frei wird. Um einen solchen zugewiesen zu bekommen, muss man etwa wöchentlich im Amt vorstellig werden, bis eben etwas frei wird. Auch der Asylantrag an sich geht „häppchenweise“ über die Bühne. Zuerst gibt der Flüchtling bekannt, dass er eben in Italien angekommen ist und wird registriert. Oft Wochen später hat er dann einen ersten Termin, wo sein Fall angehört wird. Davon unabhängig muss er nocheinmal extra vorbei kommen, um z.B. seine Fingerabdrücke zu hinterlassen.

Die meisten Flüchtlinge leben in Unterkünften, die von großen und erfahrenen Organisationen wie Caritas und Co. geleitet werden, oder sie werden einem der zahlreichen (wie Pilze aus dem Boden sprießenden) neuen Vereine anvertraut, die von den Gemeinden für ihre Schützlinge bezahlt werden und für sie Wohnungen anmieten oder sie in Hotels und Agriturismi unterbringen. Der Tourismus-Sektor in Italien steckt in vielen Regionen noch mitten in der Krise und die 35 Euro pro Flüchtling pro Tag kommen so manchem Betreiber sehr recht.

Ich habe einen Agriturismus besucht, in dem über eine örtliche „Associazione“ Flüchtlinge untergebracht werden. Die Chefin kocht, kümmert sich um die Unterbringung und hilft, wenn ein Arztbesuch nötig ist oder ein Behördengang ansteht. Allerdings hat sie auch, statt entsprechend ausgebildetes Personal, eine „Kulturvermittlerin“ die selber nie fremde Kulturen studiert hat, sondern sich lediglich in Englisch und Französisch verständigen kann. Und die gleichzeitig auch – gegen einen Unkostenbeitrag – „Ergotherapie“ anbietet – in diesem Fall Schmuckherstellung mit FIMO. Da einige der im Agriturismus untergebrachten Frauen weder die angebotene Beschäftigungstherapie noch alle gespendeten Altkleider annehmen, und auch sonst untereinander viel streiten, werden sie von den Dorfbewohnern als „primitiv“ und undankbar bezeichnet. Man erträgt die „Schmarotzer“ und und hofft, dass ihr gesponsorter Aufenthalt mit möglichst wenig Scherereien über die Bühne geht. Denn nicht selten hört man in Italien von Migranten, die den Aufstand proben und sich darüber beschweren, dass sie tagaus, tagein nur billige Pasta bekommen, während sich Hoteliers und Flüchtlingsorganisationen am für ihre Integration vorgesehenen Budget zu bereichern scheinen, ohne sich dafür einzusetzen, dass sie möglichst schnell durch den Behördendschungel kommen und Klarheit über ihre Zukunft haben.

Ein Positiv-Beispiel

Die Stadt Mailand hat vor einem Jahr zum ersten Mal eine Projekt-Ausschreibung für Flüchtlinge „im Transit“ gemacht, da sie der Flut an „Durchwanderern“ die eigentlich in ein anderes Land wollen, nicht Herr wurde. Bei den Vereinen die sich um das Projekt bewarben, zählten neben der Erfahrung an Jahren, die sie schon mit Flüchtlingen arbeiten, auch die Professionalität, die sie einbringen. So stellt das Team der Remar, die die Ausschreibung gewann, einen Sozialarbeiter, eine Psychotherapeutin, eine Pädagogin und zwei Sprach- und Kulturmittler (mediatore culturale), alle mit Erfahrung in der Flüchtlingsarbeit. Der Verein stellt 50 Betten, ein Koch bereitet – ehrenamtlich – Frühstück, Mittagessen und Abendbrot zu und eine Ärztin steht ehrenamtlich zur Verfügung. Und viele weitere Italiener bringen sich ein, begleiten bei Behördengängen, geben Sprachunterricht, vermitteln praktisches Wissen zur Berufsvorbereitung, Jugendliche werden in den entsprechenden Schulen untergebracht, und so weiter. Es besteht enge Zusammenarbeit mit der gerichtsmedizinischen Fakultät der Mailänder Uni, denn viele Flüchtlinge haben Folter und schlimme körperliche Verletzungen erlebt, und der örtlichen Neuropsychatrie für Kinder. Die Psychotherapeutin ist unter anderem gefordert, jeden Ankömmling auf seinen psychologischen Zustand zu untersuchen und festzustellen, wo besondere Hilfestellung nötig ist. Regelmäßig schreibt sie, wie die anderen professionellen Mitarbeiter auch, Berichte für die Stadt Mailand.

Die bei der Mailänder Remar aufgenommenen Flüchtlinge erhalten von der Stadt Mailand 2,50 Euro Taschengeld (die sie sparen müssen, um sich durch den nicht kostenlosen Behördendschungel zu schlagen – bis zu 100 Euro werden sie für den Papierkram bis hin zur Aufenthaltsgenehmigung einplanen müssen). Dazu kommt neben Schlafplatz und Verpflegung noch eine Telefonkarte monatlich, um per Handy in die Heimat telefonieren zu können. Für die Flüchtlinge ohne Handy hat die Organisation ein paar Telefone angeschafft.

Beim Gespräch mit der Mitarbeiterin spüre ich, dass das Herz hinter der Arbeit steht, und nicht das Geld im Vordergrund. Die Stadt Mailand hat auch noch keinen Euro gezahlt – die Mitarbeiter arbeiten seit Monaten zwangsläufig gratis, denken aber, dass irgendwann die vereinbarten Gehälter auf der Bank sein werden.

Trotzdem: Tausende Flüchtlinge in Italien sich selbst überlassen

Eine Studie von „Ärzte Ohne Grenzen“ hat deutlich gemacht, dass in Italien momentan mindestens rund 10.000 Flüchtlinge ohne jede staatliche Hilfe auskommen müssen. Die Obdachlosigkeit und das Fallen durch alle Netze betrifft auch Frauen und Kinder. Hier geht es zum Bericht auf Repubblica.it.

Die Situation von Flüchtlingen in Italien scheint schon länger so prekär, dass darüber diskutiert wird, ob Abschiebungen nach Italien nicht sogar menschenrechtswidrig sind.

Aber zurück zu Majd…

Unter der Adresse die seine deutschen Freunde vorliegen hatten, gab es doch wieder ein Wohnheim. Es ist ein Asylantenheim, wo die Polizei Stammgast ist und viel getrunken wird.
Und auch aus Deutschland ist nun klar: Die Abschiebung war eine Fehlentscheidung. Angeblich nicht vorliegende Dokumente lagen der Behörde sehr wohl vor. Dazu kommt die politisch/rechtlich komplizierte Situation von Einwanderern aus Syrien. Die deutsche Wahlfamilie von Majd hat sich mehrfach an zuständige Behörden und sogar das Ministerium gewandt. Und Politiker angeschrieben. Einen Förderverein gegründet.
Majd saß lange in Rom fest. Er nutzte die Zeit, um Italienisch zu lernen und konnte nichts anderes tun, als abzuwarten, dass sein Asyl-Antrag bearbeitet wurde.

Raus aus Italien mit Schengen-Ausweis

Wurde der Asyl-Antrag richterlich geprüft und Asyl gewährt, erhält der Antragsteller einen Termin, um seine PSE (elektronische Aufenthaltserlaubnis, Gültigkeitsdauer 5 Jahre) in der Questura abzuholen. Sie ist das grundlegende Dokument für alles Weitere.

Wer die PSE in der Hand hat, kann, ebenfalls in der Questura, einen „Ersatzpass“ beantragen mit dem er dann Ausreisen kann. Zur Beantragung muss er mitbringen:

– 4 Passbilder (Hintergrund weiß)
– 1 „marca da bollo“ über 16 Euro (im Tabakladen zu erstehen),
– Bestätigung vom Wohnsitz „attestazione di domicilio“ (erhält er im Wohnheim)
– 2 Postüberweisungsbestätigungen „bollettini postali“: die erste muss eine Überweisung von 30,46 Euro auf das Konto n. 67422402 (Empfänger: MEF – Dipartimento del Tesoro; Verwendungszweck: PSE) bestätigen, die zweite über 42,22 Euro auf das Konto n. 67422808 (Empfänger: Ministero Economia e Finanze – Dipartimento del Tesoro; Verwendungszweck: richiesta rilascio titolo di viaggio elettronico (sostitutivo del passaporto))*.

Bei der Beantragung erhält der Antragsteller normalerweise schon einen Abholungstermin der Dokumente nach ein bis zwei Monaten.

Bei Unklarheiten können den ordnungsgemäß untergebrachten Flüchtlingen bei jedem Behördengang die jeweils zuständigen „operatrici legali“ im Wohnheim helfen. Jede Organisation stellt diese Mitarbeiter, die begleiten und unterstützen, wenn es um die bürokratischen Angelegenheiten geht.

Update: Majd konnte inzwischen aus Italien aus- und nach Deutschland einreisen. Er hat diesen Monat eine Lehre begonnen und lebt bei der Gastfamilie, die ihm durch seinen „DublinIII-Albtraum“ geholfen hat.

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Quellen:
http://www.bamf.de/DE/Migration/AsylFluechtlinge/Asylverfahren/Dublinverfahren/dublinverfahren.html
Migrationsstelle des evangelischen Kirchenverband in Rom
http://www.repubblica.it/solidarieta/profughi/2016/04/12/news/profughi_sono_10_mila_a_vivere_per_la_strada_ecco_la_mappa_delle_abitazioni_di_fortuna-137439681/

* Die entsprechenden Beträge und Konten können mit der Zeit variieren, vor Überweisung in der Questura nachfragen 😉

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Auswanderer - Portraits Newsticker

Italien-Auswanderer für TV – Magazin gesucht

Wer eine Auswanderung nach Italien plant oder schon dort lebt und vor allen Dingen Lust hat, sich für einige Tage mit der Kamera begleiten zu lassen, kann nun Protagonist für neue Folgen eines deutschen TV- Auswanderermagazins auf VOX werden.

Für die Produktionsfirma Fandango sind zum einen Leute interessant, die den Schritt auszuwandern noch vor sich haben. Diese werden noch in Deutschland vorgestellt und bei Abschied und Umzug nach Italien mit der Kamera begleitet.

Zum anderen werden Menschen gesucht (Einzelpersonen, Paare und Familien), die bereits den Schritt ins neue Land gewagt haben.

Egal ob bereits im Land angekommen oder gerade im Aufbruch, es gibt viele Fragen, die sich die Auswanderer stellen oder bereits beantwortet haben: Warum wollen sie nach Italien gehen, und was hoffen sie dort zu finden? Welche Träume haben sie? Wie sieht es mit Heimweh aus? Was ist das Besondere an Italien? Aber auch ganz praktische Fragen sind von Relevanz: Wie finde ich eine Arbeit bzw. einen Platz zum Wohnen? Welche bürokratischen Hürden gibt es? Alltägliche Abläufe, wie Einkaufen im Supermarkt oder tanken, dürfen natürlich auch nicht fehlen.

Der grobe Ablauf wird sein, dass zuerst ein Vorgespräch beim Protagonisten zu Hause stattfindet, begleitet nur mit einer Handkamera. Die Produzenten sichten das Material und entscheiden, wer am besten in die Sendung passt. Danach erst werden die richtigen Dreharbeiten mit den Protagonisten abgestimmt. Für die Teilnehmer gibt es natürlich eine Aufwandsentschädigung.

Wer eine schöne und bleibende Erinnerung über sein neues Leben in Italien haben möchte, oder auch einfach Menschen, die ähnliches vor haben, wertvolle und lebensnahe Tipps geben und ein Stück weit sogar Vorbild sein möchte, kann sich hier bewerben oder weitere Informationen bekommen.

Infos zum Produzenten: Fandango ist eine Produktionsfirma, die seit 1999 TV-Formate entwickelt und produziert, z.B. ganz aktuell „Hautnah: Die Tierklinik“, „Mieten, Kaufen, Wohnen“, „Mein himmlisches Hotel“ oder 1.347 Folgen „Menschen, Tiere und Doktoren“ (alle bei VOX), ausgezeichnet mit dem Medienpreis der Bundestierärztekammer.

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Auswanderer - Portraits Homeschooling Recht

Eine Unschooler-Familie in Italien

Emy, vor drei Jahren nach Italien ausgewandert, hat ihre Kinder von der staatlichen italienischen Grundschule abgemeldet und ist eine von über tausend Homeschoolern geworden. Wie die hiesigen Behörden reagierten und wie es nun bei ihr läuft hat sie uns bei einem Besuch verraten.

Die beiden Grundschüler hatten nicht nur keine Lust auf den Besuch der staatlichen Ganztagsschule, sondern die Eltern haben beobachtet, dass ihnen in der völlig normalen Grundschule nicht wirklich viel beigebracht wurde und einiges, auf das die Eltern bei der Erziehung besonders achten, mit der Zeit sogar nachlies. Die Tischmanieren zum Beispiel.

Die Mutter sprach also mit der Schuldirektorin und gab eine schriftliche Deklaration ab, mit der sie ihre Kinder fristlos von der Schule nahm (das kann zum Beispiel so aussehen). Die Direktorin („Preside“) nahm die Entscheidung so hin, schickte jedoch einige Zeit später eine Einladung mit den Terminen für die Jahresabschlußprüfungen beider Kinder nach Hause. Die Familie hatte allerdings gar nicht vor, den italienischen Lehrplan jedes Jahr einfach zu Hause durchzuarbeiten und die Kinder dann als Externe die entsprechenden Prüfungen machen zu lassen. Emy bedankte sich also bei der Schulleiterin für den Brief, lehnte die Einladung zur externen Prüfung aber ab. Daraufhin drohte die Direktorin ihr mit einer Klage. Eine siebzehnseitige Erklärung (entstanden mit rechtskundiger Hilfe von anderen Anhängern der „educazione parentale“) an Schule und Bürgermeister sorgte für Ruhe – weder kam eine Antwort, noch eine Klage oder ein Besuch der Carabinieri.

Was kostet Homeschooling die Familie?

Emy betreibt Unschooling. Sie kauft Bücher für die Kinder und fördert ihre Interessen mit Privatunterricht. Außerdem geht es regelmäßig ins Museum und auf Ausflüge und Treffen mit anderen Homeschoolern (didaktische für die Kinder und informative/networking-orientierte für die Eltern oder die ganze Familie). Instinktiv habe ich mir das sehr teuer vorgestellt, aber Emy hat lässig abgewunken: Sie gibt für das Homeschooling deutlich weniger aus als damals für die Schule. Denn unabhängig von den 4 Euro pro Mensaessen muss von den Familien in staatlichen italienischen Schulen Toilettenpapier mitgebracht werden und Druckerpatronen sowie Kopierpapier werden auf die Schüler umgelegt. Insgesamt ist Homeschooling also nicht unbedingt teurer als der normale Schulbesuch.

Wo erhält man Unterstützung?

Emy und ihre Familie legen großen Wert auf ihre Netzwerke. Zum einen auf ihren Bekannten- und Freundeskreis, denn hier gibt es viel Bildungspotential: Wer etwas kann, das die Kinder interessiert, wird umgehend in der „scuola a casa“ eingespannt. Außerdem wichtig ist der Familie der Kontakt mit anderen „Homeschoolern“ – sie treffen sich mehr oder weniger regelmäßig mit acht Familien aus der Mailänder Umgebung zum Austausch oder um einfach etwas zu unternehmen.

Und die Zukunftsperspektive der Kids?

Emy hat es bislang nicht bereut, ihre Kinder von der Schule genommen zu haben. Sie wachsen frei auf und können ihren Neigungen und ihrer Neugier folgen. Sollten sie einen Schulabschluss machen wollen, werden die Eltern sie auf die entsprechenden Prüfungen vorbereiten die sie in Italien ohne weiteres am Jahresende in allen Regelschulen ablegen können. Und wenn die Carabinieri irgendwann auftauchen sollten, um das Wohl der Homeschooler-Kinder festzustellen, können sie sich eine Sprache aussuchen, in der sie gepflegte Konversation mit aufgeweckten, mitteilsamen jungen Menschen betreiben können und sich Unmengen an Projekten ansehen, an denen die Kinder mit Anleitung und ohne ständig ihr eigenes Lernpensum kreieren und ausbauen.

 

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Alltägliches Auswanderer - Portraits Urlaub&Reisen

Unterwegs im Wohnmobil

Silke und Michael haben vor über zwei Jahren den Sprung in eine neue Existenz gewagt und bereisen nun Europa mit dem Wohnmobil. Sie sind momentan in Italien und geben in diesem Gastartikel einen Einblick, wie Auswandern auf vier Rädern so aussieht …

Es ist im Bereich „Leben im Wohnmobil“ ein neuer Boom ausgebrochen. Natürlich geben viele wieder auf, weil sie sich überschätzen oder das Ersparte weg ist! Es ist wie mit allem ein kommen und gehen, viele denken, „ich kauf mir ein Wohnmobil und hau dann mal ab!“ So einfach ist es nicht, es kommt immer darauf an, was man hat oder kann, viele haben Rente, eine Wohnung die sie verkaufen oder vermieten, eine Erbschaft bzw. ein Haus verkauft. (Aber glaubt mir: Geld schrumpft schnell, vor allem wenn du unterwegs bist.)

Einen Plan haben die wenigsten, auch kann keiner sagen wie viel man braucht. Wir berechnen jeden Tag mit 30 Euro ob wir fahren oder nicht, im Schnitt reichen uns 100 Euro in der Woche und wir sind Raucher. Wenn ich heute manche Kostenpläne lese, muss ich nur noch lachen, von Hotelkosten bis zur Massage ist da alles dabei.

Wenn ich mir heute Berichte durchlese oder Filme ansehe, sehe ich dass viel Verwirrung beim Thema Energieversorgung. Da sind welche unterwegs, die wissen noch nicht mal wo sie Gas bekommen. Dann brauchen manche noch fast jeden Tag einen SP oder CP weil sie Angst haben. Gut – bei uns läuft das so: Wir können Duschen wann wir wollen, Wasser gibt es überall und Gas können wir auch 22 kg tanken – reicht uns ewig. Unsere Dusche wurde nach außen verlegt, weil ich kein Wasser (Feuchtigkeit) im Fahrzeug möchte. Wir haben eine starke Solaranlage, so können wir um einiges leichter unterwegs sein: Zwei Kühlungen und alles andere wie Laptop, Handy usw. machen uns keine Probleme über mehrere Tage, im Sommer sowieso nicht.

Wenn du richtig unterwegs bist, musst du entweder vom PC aus arbeiten, was viele tun und es funktioniert auch bei manchen, doch wenn mir heute ein Inserat erklärt ich könnte 3000 – 5000 Euro nebenbei verdienen, stellen sich mir die Haare auf!

Das Thema Arbeit ist unterwegs eine eigene Sache. Da wir nicht mit Geld geboren wurden und auch keine sonstigen Einnahmen haben, nehmen wir eigentlich viele Jobs an die uns geboten werden. Da ist vom Stundenlohn bis zum Tagelohn alles dabei, von 5 Euro bis 20 Euro ist hier auch alles drin. Es gibt gute Arbeit wo du super Geld machen kannst und dann wieder kleinere Hilfsarbeiten wo du gerade mal deinen Unterhalt erarbeitest. Unterwegs Arbeit zu finden ist eigentlich einfach, wenn man arbeiten will. Es gibt Börsen, und es gibt überall deutschsprachige die jedem gerne helfen, und den Kontakt mit den Einheimischen nicht vergessen, da kann oft mal ein gutes Angebot kommen.

Wenn du nicht variabel in Sachen Arbeit bist, brauchst du gar nicht wegfahren – wer Geld verdienen will, muss das zuhause tun, unterwegs arbeitest du, um zu leben!!! Je weiter du Richtung Süden gehst, desto schwerer ist es, Arbeit zu finden und der Verdienst ist alles andere als gut.

Auch die Fahrzeugauswahl ist so ein Ding was ich bei manchen nicht verstehe. Wir haben brutto 14 qm – ist super viel Platz und wir können überall stehen. Wer Probleme hat, und deshalb fährt, sollte zuhause bleiben: Die werden unterwegs noch mehr! Wir sind gerne bereit, unsere Erfahrung weiter zu geben. Wenn ihr mehr Infos braucht, meldet euch einfach.

Wir haben natürlich auch ein Hobby, wenn wir unterwegs sind: vor allem in Italien gibt es da viel zu tun. In den Dörfern gibt es Menschen die sich um Katzen und Hunde kümmern, lassen diese Kastrieren und Füttern sie und bauen ihnen Unterkünfte. Wenn wir Geld übrig haben, kaufen wir selbst Futter. Auf unserer Seite haben wir unter „Tierschutz unterwegs“ einen Spenden-Button, der ganz leicht zu bedienen ist. Auch setzten wir auf die Seite, was wir gerade in Sachen Tiere so machen … und ein paar Euronen tun keinen weh, und können viel bezwecken. Diese Leute die sich dort um die Tiere kümmern, haben keinerlei Unterstützung, sie finanzieren das selbst.

Wünsche euch noch viel Spaß beim Aussteigen, und eine schöne Saison 2016!