Erst dachte ich, das ist sicher ein sehr spezielles Buch: Die Biographie eines italienischen Dichters, der vor über sechs Jahrhunderten lebte, geschrieben von einer Sprachwissenschaftlerin.
Zum Glück griff ich trotzdem zu, und hatte eine der besten Lektüren, ever.
Der Hintergrund
Prof. Meier gibt zu: Es existieren wenige zuverlässige Zeugnisse aus Boccaccios Zeit. Deshalb hat die ganze Biografie immer wieder Züge eines Detektivspiels. Dabei lernt man zumindest schon einmal sehr interessante Details aus der Geschichte Italiens. Die Dichte der kulturellen Errungenschaften schon im 13. Jahrhundert, hat mich persönlich überrascht. Und auch die Selbstverständlichkeit, mit der Umzüge, häufige Reisen und intensives Netzwerken – der privilegierten Schicht – gelebt wurden, passte nicht in mein Geschichtsbild zu dieser Zeit. Es gab ordentlich Tempo, mit Slow Living hatte das nicht unbedingt etwas zu tun.
Dabei Intrigen der High Society und Geschäftemacher, Bänker, die die Zeichen der Zeit deuten, steuern und ohne Scham ausnutzen. Und dann einen „Rettungsschirm“ auf Kosten der Steuerzahler beanspruchen wollen, wenn sie sich verkalkuliert haben. Die ganze Welt ist ein Dorf . . .
Das Besondere an Boccaccio
Boccaccio hat nicht nur rigoros darauf bestanden, seinen Traum als Schriftsteller zu leben. Er hat für sich und seine Familie gesorgt und immer versucht, ganz oben mit zu spielen. Das war nicht einfach, da er zwar aus reicher Familie stammte, aber leider unehelich war. Ein Makel, der ihm lange zu Schaffen machte, da er trotz gleicher Leistung aufgrund der „Gesetzeslage“ benachteiligt wurde im Run auf gut dotierte Jobs.
Intellektuelle Ehrlichkeit und Charakterstärke gehörten zu seinen Eigenschaften, wie auch eine große Leidenschaft für kulturelle Belange. Er investierte viel Zeit und Geld in den Aufbau persönlicher Netzwerke interessanter Dichter und Denker und kümmerte sich ohne Unterlass um das Sammeln und Vervielfältigen wichtiger Schriften. (Nicht nur) Italien hat ihm sehr viel zu verdanken.
Das Besondere an der Biografie
Franziska Meier geht den historischen Stoff anders an, als üblich. Sie verzichtet auf banale Hinweise darauf, dass es zu Zeiten des Dichters weder Strom noch Autos oder Sozialversicherungsträger gab. Dadurch gelingt es ihr, dass der Leser besser in das Leben Boccaccios eintauchen kann, an seiner Seite durch sein Leben läuft und einen unmittelbaren Zugang zu ihm und seine Literatur bekommt.
Und man erkennt besser die Parallelen von Vergangenheit und Gegenwart: Ein paar Oligarchen, die nichts als ihre wirtschaftlichen Interessen pushen wollen, koste es was es wolle. Umweltprobleme, die soziale Katastrophen zur Folge haben. Sinnfreie gesellschaftliche Regelungen, die einengen, wer anders fühlt oder denkt.
Und zwischendrin einen eigensinnigen Dichter, der um Anerkennung und Zuneigung kämpft und seine Zeit(genossen) portraitiert. Und versucht, seinen Prinzipien treu zu bleiben und das Beste aus seinem Leben zu machen.
Ein sehr schönes Buch, das nachdenklich macht. Well done.







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