Kategorien
Job&Co Recht

Scheinselbständigkeit in Italien

In Italien trifft man an allen Ecken und Enden Berufstätige, die vom Arbeitgeber in die Scheinselbständigkeit gezwungen wurden (sie „sind eine Partita IVA“, treten aber in
der Ausübung ihrer Tätigkeit nicht wirklich selbstständig auf). Sie sind weisungsgebunden, müssen zu festgelegten Zeiten am Arbeitsplatz „aufschlagen“, etc.

Um etwas Licht in die Grauzone zwischen abhängigem Arbeitsverhältnis und selbstständiger Mitarbeit zu bringen, wurden schon 2012 und 2013 Bedingungen vom Gesetzgeber definiert, die die „Partita IVA fittizia“ charakterisieren. So liegt eine Scheinselbstständigkeit vor, wenn zwei der drei folgenden Punkte erfüllt sind:

  • in zwei aufeinanderfolgenden („Sonnen“-)Jahren werden mehr als 80% des Umsatzes bei einem einzigen Auftraggeber erzielt
  • in zwei aufeinanderfolgenden Kalenderjahren wird mehr als acht Monate im Jahr ausschließlich für einen Auftraggeber gearbeitet
  • es besteht ein fixer Arbeitsplatz beim Auftraggeber*

Sind zwei dieser Bedingungen erfüllt, gilt die Mitarbeit als scheinselbständig und das Verhältnis wird automatisch in einen legalen Projektvertrag umgewandelt. Falls kein definierbares Projekt vorhanden ist, wird das Verhältnis zwangsläufig in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis umgewandelt.

Soweit die theoretische Grundlage. Bevor sich die betroffenen Fast-Angestellten nun zu früh freuen und mit einer entsprechenden Forderung zur Konfrontation ins Personalbüro der Firma gehen, müssen sie überprüfen, ob sie nicht zu den berühmten Ausnahmen obiger Regelung zählen. (Um es vorweg zu nehmen: Das ist leider ziemlich wahrscheinlich.)

Laut Gesetz ist keine Scheinselbständigkeit gegeben, wenn

  • Der Selbstständige eine hohe Ausbildung vorweisen kann (… wozu schon das Abitur zählt) und zusätzlich ein Einkommen erwirtschaftet, welches über dem 1,25-fachen der Mindestversicherungsgrundlage der Kaufleute und Handwerker liegt (für 2015 zum Beispiel müsste hier der Umsatz mindestens 19.435 Euro (15.548Euro x 1,25) betragen, was sogar für italienische Verhältnisse in vielen Berufssparten recht gering ist.
  • Der Selbstständige ein Freiberufler ist, der in einer Berufskammer eingetragen ist. *

Die vielen Hochschulabsolventen, die zum Beispiel als Architekten oder Ingenieure (etc . . ., die Liste ist lang) scheinselbständig sind, und sich – da bei der Ausübung dieser Berufe gesetzlich dazu verpflichtet – in der entsprechenden Kammer eingetragen haben, werden wohl weiterhin den Versprechungen ihres „Amministratore“ glauben schenken müssen, dass ihnen bei der nächsten Gelegenheit eine unbefristete Stelle angeboten werden wird.

Ein Tipp dennoch, für diejenigen, die nicht so schnell die Flinte ins Korn werfen möchten: Zur Gewerkschaft gehen. Denn: Die Mitarbeiter dort haben es geradezu auf die Firmen abgesehen, die es sich zur Gewohnheit gemacht haben, Festanstellungen mit gezwungener freier Mitarbeit zu vermeiden.

Das Prozedere bei solch einem Gang zur Gewerkschaft ist:

  • Mit Personalausweis und Vertrag das Gewerkschaftsbüro aufsuchen und Schlange stehen.
  • Im Vorgespräch die Erfolgsaussichten klären. Die „Pratica“ bei positiver Einschätzung mit einem Angestellten dort „eröffnen“ und den Jahresbeitrag für die Mitgliedschaft entrichten.
  • Die Gewerkschaft wird sich dann schriftlich an den Arbeitgeber richten um zu versuchen, das Ganze friedlich zu klären. Der Arbeitgeber, bzw. ein Vertreter, wird ins Büro gebeten, der Antragsteller muss nicht dabei sein. Lenkt der Arbeitgeber nicht ein, wird von der Gewerkschaft ein Rechtsanwalt eingeschaltet.
  • Es folgt ein Termin in den Gewerkschaftsräumen mit dem Rechtsanwalt, der eventuelle Fragen, auch später noch direkt mit dem Antragsteller, klärt und dann vor Gericht zieht.
  • Der Richter entscheidet mit einer Sitzung, bei der sowohl Antragsteller als auch „Arbeitgeber“ dabei sind, wie die Lösung des Konfliktes auszusehen hat. Je nach Rechtslage kann der Antragsteller sich entscheiden, ob er zwangsangestellt werden möchte, oder einen finanziellen Ausgleich erhalten. Die Gewerkschaft legt dabei Anwaltskosten etc. aus und stellt hinterher eine Rechnung über einen geringen Anteil des Streitwertes an den Antragsteller.

 

*Quelle: http://www.hk-cciaa.bz.it

Kategorien
Institutionen Job&Co Recht

Freiberufler in Italien: IVA, INPS und ein kleiner Tipp zum Sparen

Viele Auswanderer lassen sich in Italien als Selbständige nieder und versuchen so, ein kleines „Business“ zu starten oder gehen ihrem schon in Deutschland freiberuflich ausgeübten Job nach. Andere widerum suchen eigentlich eine Arbeit im Angestelltenverhältnis und werden vom gefundenen Arbeitgeber – wie unzählige Italiener – in die Scheinselbständigkeit gezwungen. Sie „werden“ eine Partita IVA, wie es in Italien inzwischen heißt.

Wann muss man sich wie versichern?

Für eine geringfügige Tätigkeit bis zu einem Einkommen von 5.000 Euro jährlich sind keine Sozialbeiträge zu leisten. Liegt das Einkommen darüber, meldet man sich beim INPS („NISF“ in Südtirol) an, wo man in die „Gestione Separata“, eine gesonderte Kasse, eingetragen wird. Dann werden Rentenbeiträge bis fast 30% fällig, und wer dann noch die volle Einkommensteuer zahlen muss, wird rund die Hälfte des Reinerwerbs an den Staat abgeben.

Ein Selbstständiger ist in Italien nicht gegen Arbeitslosigkeit abgesichert, hat aber Anrecht auf Familienbeihilfe, Taggeld im Falle eines Krankenhausaufenthalts, fünf Monate Mutterschutz und krankheitsbedingte Arbeitsunfähigkeit.

Das „regime dei minimi“

Rechtlich und steuerlich ist es für Freiberufler in Italien am einfachsten, dem „regime dei minimi“ anzugehören. Das ist eine Art Sonderform für Einsteiger unter 35 Jahren. Es gibt hier in den ersten fünf Jahren eine Steuerbegünstigung (man zahlt nur 5% statt die normalen Beiträge) und man ist von der Einforderung der Mehrwertsteuer befreit.

Folgende Bedingungen müssen aber erfüllt sein:

  • das jährliche Einkommen bleibt unter 30.000 Euro
  • steuerlich geltend gemachtes Equippment wie Computer, Firmenwagen u.ä. bleibt in drei Jahren unter 15.000 Euro
  • man hat keine Angestellten oder Weisungsempfänger
  • das Business ist in Italien gemeldet
  • man ist kein Teilhaber einer GmbH oder ähnlichem
  • man gehört keinen Ausnahme-Gruppen an wie Fischereibetriebe, Landwirtschaft, etc

Fristen

Die Einkommensteuer wird mit einer Anzahlung bis zum 30. November eines jeden Jahres (auf der Grundlage des Vorjahressatzes berechnet) und dann im Juni des Folgejahres beglichen. Dieselben Fristen gelten auch für die Zahlung des INPS-Beitrags.

Tipp: Rechnungsstellung an ausländische Unternehmen

Viele in Italien im Regime dei Minimi arbeitende Freiberufler haben mit Unternehmen innerhalb der EU zu tun. Stellt man hier die Rechnung, wird kein Bollo mehr benötigt. Auch muss, der Einfachheit halber, innerhalb der EU keine Mehrwertsteuer auf- und abgeführt werden. Der Rechnung ist dazu folgender Satz zuzufügen: „Operazione effettuata ai sensi dell’articolo 1, comma 100, della legge finanziaria per il 2008, come modificata da articolo 27, DL 98/2011, non soggetta né ad iva né a ritenuta ai sensi del provvedimento agenzia delle entrate n. 185820“

Tipp: Einen Teil der Sozialbeiträge auf den Rechnungsempfänger umwälzen

Bis 4% der Abgabe an das INPS können auf den Rechnungsempfänger abgewälzt werden („Rivalsa Inps“). In Italien weiß das jeder mit dem Ihr zu tun haben werdet, man kann aber auch versuchen, das bei seinen ausländischen Kunden durchzusetzen. Sowohl italienische als auch ausländische Firmen müssen dem Freiberufler hier nicht entgegenkommen, tun es aber meist.
>> So kann das dann letztendlich aussehen

Bei einem Umzug innerhalb Italiens muss die neue Adresse natürlich auch bei Finanzamt und INPS gemeldet werden. Beim INPS reicht es, die neue Adresse telefonisch durchzugeben.

Steuerberater, die sich um Freiberufler kümmern, verlangen ab 600 Euro im Jahr für ihre Dienste. Die meisten Freiberufler, die ich kenne, haben so einen Commercialista, da sich viele Regeln was Meldepflichten, Beitragszahlungen und absetzbare Ausgaben dauernd ändern. Außerdem hat kein normal Sterblicher Zeit und Lust, sich mit den telematischen Prozeduren von Steuerzahlung und Erklärung auseinanderzusetzen.

Tipp: INPS-Voucher absetzbar

Eigentlich darf ein „regime minimi“ keine Mitarbeiter haben. Ausnahme: Gelegenheitsarbeit. Wer also einen Kollegen hat, der gelegentlich mitarbeitet, kann die Kosten dafür steuerlich absetzen und muss seinen Steuerstatus nicht ändern. Wie die Beschäftigung eines Mitarbeiters auf dieser Basis praktisch aussieht kann hier nachgelesen werden.

Kleiner Exkurs für Angestellte: Abschreibungen und die Einkommensteuer

Wer im Angestelltenverhältnis arbeitet, muss seine Einkommensteuererklärung dann selber erstellen, wenn er Abschreibungen geltend machen will. Ansonsten macht das der Arbeitgeber. Die Berechnung der Einkommensteuer (IRPEF) kann man zum Beispiel auf der Seite IRPEF.INFO vornehmen. Die Fristen sind dieselben wie bei Selbständigen.

 

UPDATE 7.10.2015: Hier ein sehr umfassender Artikel zum Thema auf Italienisch – mit vielen Details und konkreter Anleitungen zum Antragstellen der „Gestione Separata“.

UPDATE 18.04.2016: Hier ein zusammenfassender Artikel zu den Änderungen für das „regime dei minimi“ ab 2016 (auf Italienisch)
************************************************************

Quellen:
http://www.minijob.it/blog/2015/01/partite-iva-cosa-sono-e-cosa-bolle-pentola/
http://www.guidafisco.it/contribuenti-minimi-voucher-inps-1090#ixzz3fymWsbs6