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Flüchtlingskrise: Mit Dublin III zurück nach Italien

Über die Kommentare zum Artikel Flüchtlingskrise: Im Gastland Italien mithelfen kamen wir mit „dem Fall Majd“ und den Folgen des Abkommens „Dublin III“ für diejenigen, die es auf ihrer Flucht ersteinmal nach Italien verschlagen hatte, in Kontakt.

Unsere Leserin schrieb: „Wir hatten bis zum 8.3.16 hier einen syrischen „Schützling“, der bereits nach seinem Bleiberecht einen Ausbildungsplatz hätte. Nun hat ein deutsches Verwaltungsgericht entschieden, unser Freund muss nach Italien zurück, weil er dort angekommen sei. Gegen die Entscheidung wurde Einspruch eingelegt. Nun wurde unser Majid in der Früh um 3.00 Uhr am 8.3. von Beamten abgeholt und nach Rom geflogen. Dort ist er nach seinen Angaben in einem Heim in der Via Ennio Porrino 5 in Rom. Nach Auskunft der Deutschen Botschaft in Rom gibt es dort an der Adresse kein Heim. Wir haben von hier keine Möglichkeit weitere Recherchen anzustellen. Das Internet zeigt keine konkreten Ergebnisse.“

Das Dublinverfahren

Im Dublinverfahren, aktuell „Dublin III“, wird der für die Prüfung eines Asylantrags zuständige Staat festgestellt. Damit wird sichergestellt, dass jeder Asylantrag nur von einem Mitgliedstaat inhaltlich geprüft wird. Es ist das europäische Land für die Asylanträge verantwortlich, in dem der Antragsteller zuerst aufgeschlagen ist. Dabei ist es nicht erforderlich, dass dort auch ein Asylantrag gestellt wurde, sondern es reicht, dass Fingerabdrücke genommen wurden, und in der europäische Datenbank EURODAC hinterlegt.

In unserem Fall hatte also ein deutsches Gericht entschieden, dass sich letztendlich Italien um den Asylantrag von Majd zu kümmern hatte, und ihn abgeschoben. Wir hatten einige Mühe, ihn in Italien zu finden. Denn es war der deutschen Familie, die sich um ihn gekümmert hatte, zwar bekannt, dass er nach Rom gebracht worden war, aber die Adresse des Heimes in dem er untergebracht wurde, war z.B. der Deutschen Botschaft in Rom nicht als solche gemeldet.

Wir haben uns also an den evangelischen Kirchenverband in Rom gewendet, denn dort gibt es eine Stelle für Migration (Federazione delle Chiese Evangeliche in Italia, Mediterranean Hope). Die Sachbearbeiterin meinte, dass das angegebene Asylantenheim zugemacht worden wäre, und kontaktierte für uns die Einwanderungsbehörde der Hauptstadt (Ufficio Immigrazione di Roma Capitale) um dort um Hilfe zu bitten. Ihrer Erfahrung nach ist es sehr schwer, Flüchtlinge, die sich in Rom befinden „wiederzufinden“. Es sei denn, sie bleiben in ihrer zugewiesenen Unterkunft. Das ist nicht immer der Fall, oft verschwinden sie spurlos.

Was erwartet Flüchtlinge eigentlich in Italien?

Im Allgemeinen haben Personen, die im Rahmen des Dublin-III-Verfahrens nach Italien überführt werden, das Recht auf eine Unterbringung. Im Alltag entspricht der Staat diesem Recht allerdings häufig nicht, und so bleiben viele nach Italien abgeschobene Flüchtlinge sich selbst überlassen. Ohne Schlafplatz und ohne klare Äußerungen, wo sie im Asylverfahren stehen und wie es mit ihnen weitergehen kann.

Jede „Comune“ kümmert sich um die Unterbringung der dort ankommenden Flüchtlinge über ihr „Ufficio Immigrazione“. In Rom zum Beispiel ist das Centro Cittadino per le migrazioni, l’asilo e l’integrazione sociale zuständig. Einwanderer müssen sich in der Questura melden und erhalten dort einen weiteren Vorstellungstermin und einen Zettel, den sie bei Kontrollen vorzeigen können und mit dem sie beweisen, dass sie sich schon um ordnungsgemäße Einwanderung kümmern und keine „rein Illegalen“ (Clandestini) sind. Manchmal müssen erst einmal einige Nächte im Freien verbracht werden, und das ohne finanzielle Unterstützung, also noch nicht einmal für das Essen, bis in den zahlreichen Wohnheimen ein Platz frei wird. Um einen solchen zugewiesen zu bekommen, muss man etwa wöchentlich im Amt vorstellig werden, bis eben etwas frei wird. Auch der Asylantrag an sich geht „häppchenweise“ über die Bühne. Zuerst gibt der Flüchtling bekannt, dass er eben in Italien angekommen ist und wird registriert. Oft Wochen später hat er dann einen ersten Termin, wo sein Fall angehört wird. Davon unabhängig muss er nocheinmal extra vorbei kommen, um z.B. seine Fingerabdrücke zu hinterlassen.

Die meisten Flüchtlinge leben in Unterkünften, die von großen und erfahrenen Organisationen wie Caritas und Co. geleitet werden, oder sie werden einem der zahlreichen (wie Pilze aus dem Boden sprießenden) neuen Vereine anvertraut, die von den Gemeinden für ihre Schützlinge bezahlt werden und für sie Wohnungen anmieten oder sie in Hotels und Agriturismi unterbringen. Der Tourismus-Sektor in Italien steckt in vielen Regionen noch mitten in der Krise und die 35 Euro pro Flüchtling pro Tag kommen so manchem Betreiber sehr recht.

Ich habe einen Agriturismus besucht, in dem über eine örtliche „Associazione“ Flüchtlinge untergebracht werden. Die Chefin kocht, kümmert sich um die Unterbringung und hilft, wenn ein Arztbesuch nötig ist oder ein Behördengang ansteht. Allerdings hat sie auch, statt entsprechend ausgebildetes Personal, eine „Kulturvermittlerin“ die selber nie fremde Kulturen studiert hat, sondern sich lediglich in Englisch und Französisch verständigen kann. Und die gleichzeitig auch – gegen einen Unkostenbeitrag – „Ergotherapie“ anbietet – in diesem Fall Schmuckherstellung mit FIMO. Da einige der im Agriturismus untergebrachten Frauen weder die angebotene Beschäftigungstherapie noch alle gespendeten Altkleider annehmen, und auch sonst untereinander viel streiten, werden sie von den Dorfbewohnern als „primitiv“ und undankbar bezeichnet. Man erträgt die „Schmarotzer“ und und hofft, dass ihr gesponsorter Aufenthalt mit möglichst wenig Scherereien über die Bühne geht. Denn nicht selten hört man in Italien von Migranten, die den Aufstand proben und sich darüber beschweren, dass sie tagaus, tagein nur billige Pasta bekommen, während sich Hoteliers und Flüchtlingsorganisationen am für ihre Integration vorgesehenen Budget zu bereichern scheinen, ohne sich dafür einzusetzen, dass sie möglichst schnell durch den Behördendschungel kommen und Klarheit über ihre Zukunft haben.

Ein Positiv-Beispiel

Die Stadt Mailand hat vor einem Jahr zum ersten Mal eine Projekt-Ausschreibung für Flüchtlinge „im Transit“ gemacht, da sie der Flut an „Durchwanderern“ die eigentlich in ein anderes Land wollen, nicht Herr wurde. Bei den Vereinen die sich um das Projekt bewarben, zählten neben der Erfahrung an Jahren, die sie schon mit Flüchtlingen arbeiten, auch die Professionalität, die sie einbringen. So stellt das Team der Remar, die die Ausschreibung gewann, einen Sozialarbeiter, eine Psychotherapeutin, eine Pädagogin und zwei Sprach- und Kulturmittler (mediatore culturale), alle mit Erfahrung in der Flüchtlingsarbeit. Der Verein stellt 50 Betten, ein Koch bereitet – ehrenamtlich – Frühstück, Mittagessen und Abendbrot zu und eine Ärztin steht ehrenamtlich zur Verfügung. Und viele weitere Italiener bringen sich ein, begleiten bei Behördengängen, geben Sprachunterricht, vermitteln praktisches Wissen zur Berufsvorbereitung, Jugendliche werden in den entsprechenden Schulen untergebracht, und so weiter. Es besteht enge Zusammenarbeit mit der gerichtsmedizinischen Fakultät der Mailänder Uni, denn viele Flüchtlinge haben Folter und schlimme körperliche Verletzungen erlebt, und der örtlichen Neuropsychatrie für Kinder. Die Psychotherapeutin ist unter anderem gefordert, jeden Ankömmling auf seinen psychologischen Zustand zu untersuchen und festzustellen, wo besondere Hilfestellung nötig ist. Regelmäßig schreibt sie, wie die anderen professionellen Mitarbeiter auch, Berichte für die Stadt Mailand.

Die bei der Mailänder Remar aufgenommenen Flüchtlinge erhalten von der Stadt Mailand 2,50 Euro Taschengeld (die sie sparen müssen, um sich durch den nicht kostenlosen Behördendschungel zu schlagen – bis zu 100 Euro werden sie für den Papierkram bis hin zur Aufenthaltsgenehmigung einplanen müssen). Dazu kommt neben Schlafplatz und Verpflegung noch eine Telefonkarte monatlich, um per Handy in die Heimat telefonieren zu können. Für die Flüchtlinge ohne Handy hat die Organisation ein paar Telefone angeschafft.

Beim Gespräch mit der Mitarbeiterin spüre ich, dass das Herz hinter der Arbeit steht, und nicht das Geld im Vordergrund. Die Stadt Mailand hat auch noch keinen Euro gezahlt – die Mitarbeiter arbeiten seit Monaten zwangsläufig gratis, denken aber, dass irgendwann die vereinbarten Gehälter auf der Bank sein werden.

Trotzdem: Tausende Flüchtlinge in Italien sich selbst überlassen

Eine Studie von „Ärzte Ohne Grenzen“ hat deutlich gemacht, dass in Italien momentan mindestens rund 10.000 Flüchtlinge ohne jede staatliche Hilfe auskommen müssen. Die Obdachlosigkeit und das Fallen durch alle Netze betrifft auch Frauen und Kinder. Hier geht es zum Bericht auf Repubblica.it.

Die Situation von Flüchtlingen in Italien scheint schon länger so prekär, dass darüber diskutiert wird, ob Abschiebungen nach Italien nicht sogar menschenrechtswidrig sind.

Aber zurück zu Majd…

Unter der Adresse die seine deutschen Freunde vorliegen hatten, gab es doch wieder ein Wohnheim. Es ist ein Asylantenheim, wo die Polizei Stammgast ist und viel getrunken wird.
Und auch aus Deutschland ist nun klar: Die Abschiebung war eine Fehlentscheidung. Angeblich nicht vorliegende Dokumente lagen der Behörde sehr wohl vor. Dazu kommt die politisch/rechtlich komplizierte Situation von Einwanderern aus Syrien. Die deutsche Wahlfamilie von Majd hat sich mehrfach an zuständige Behörden und sogar das Ministerium gewandt. Und Politiker angeschrieben. Einen Förderverein gegründet.
Majd saß lange in Rom fest. Er nutzte die Zeit, um Italienisch zu lernen und konnte nichts anderes tun, als abzuwarten, dass sein Asyl-Antrag bearbeitet wurde.

Raus aus Italien mit Schengen-Ausweis

Wurde der Asyl-Antrag richterlich geprüft und Asyl gewährt, erhält der Antragsteller einen Termin, um seine PSE (elektronische Aufenthaltserlaubnis, Gültigkeitsdauer 5 Jahre) in der Questura abzuholen. Sie ist das grundlegende Dokument für alles Weitere.

Wer die PSE in der Hand hat, kann, ebenfalls in der Questura, einen „Ersatzpass“ beantragen mit dem er dann Ausreisen kann. Zur Beantragung muss er mitbringen:

– 4 Passbilder (Hintergrund weiß)
– 1 „marca da bollo“ über 16 Euro (im Tabakladen zu erstehen),
– Bestätigung vom Wohnsitz „attestazione di domicilio“ (erhält er im Wohnheim)
– 2 Postüberweisungsbestätigungen „bollettini postali“: die erste muss eine Überweisung von 30,46 Euro auf das Konto n. 67422402 (Empfänger: MEF – Dipartimento del Tesoro; Verwendungszweck: PSE) bestätigen, die zweite über 42,22 Euro auf das Konto n. 67422808 (Empfänger: Ministero Economia e Finanze – Dipartimento del Tesoro; Verwendungszweck: richiesta rilascio titolo di viaggio elettronico (sostitutivo del passaporto))*.

Bei der Beantragung erhält der Antragsteller normalerweise schon einen Abholungstermin der Dokumente nach ein bis zwei Monaten.

Bei Unklarheiten können den ordnungsgemäß untergebrachten Flüchtlingen bei jedem Behördengang die jeweils zuständigen „operatrici legali“ im Wohnheim helfen. Jede Organisation stellt diese Mitarbeiter, die begleiten und unterstützen, wenn es um die bürokratischen Angelegenheiten geht.

Update: Majd konnte inzwischen aus Italien aus- und nach Deutschland einreisen. Er hat diesen Monat eine Lehre begonnen und lebt bei der Gastfamilie, die ihm durch seinen „DublinIII-Albtraum“ geholfen hat.

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Quellen:
http://www.bamf.de/DE/Migration/AsylFluechtlinge/Asylverfahren/Dublinverfahren/dublinverfahren.html
Migrationsstelle des evangelischen Kirchenverband in Rom
http://www.repubblica.it/solidarieta/profughi/2016/04/12/news/profughi_sono_10_mila_a_vivere_per_la_strada_ecco_la_mappa_delle_abitazioni_di_fortuna-137439681/

* Die entsprechenden Beträge und Konten können mit der Zeit variieren, vor Überweisung in der Questura nachfragen 😉

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Flüchtlingskrise: Im Gastland Italien mithelfen

In Deutschland wird viel Freiwilligenarbeit geleistet und koordiniert, um den aktuellen Ansturm von Bedürftigen zu bewältigen. Auch viele Deutsche, die in Italien leben, möchten den hier angekommenen Flüchtlingen gerne helfen und sich an verschiedenster Stelle einbringen. Einige haben Organisationen vor Ort gefunden und können dort schon helfen, andere versuchen noch, herauszufinden, wo und wie sie sich engagieren können.

italien inside hat versucht, von verschiedenen großen in Italien ansässigen Hilfsorganisationen zu erfahren, wie man sich konkret nützlich machen kann und was die Vernetzungsmöglichkeiten sind. Leider sind unsere Anfragen dort auf keine Resonanz gestoßen. Aber wir haben anderes festgestellt: Es gibt wunderbare unorganisierte und organisierte Projekte, die auf kleinerer und persönlicherer Ebene stattfinden. Und die dabei helfen, die richtigen Weichen zu stellen für einen Neuanfang nach der traumatischen Flucht.

Allein in Mailand kenne ich persönlich schon drei Personen, die in regelmäßigen Abständen am Mailänder Bahnhof mit Familie, Freunden, oder auch alleine auftauchen, und nötige Hilfsmittel verteilen, Essen ankarren und eine spontane Straßenmensa initiieren oder das Gespräch mit Flüchtlingen suchen um herauszufinden, wo sie bürokratisch vermitteln können oder wo auch kurzfristig eine Übernachtungsmöglichkeit (zum Beispiel für Frauen mit Kleinkindern – leider keine Seltenheit) organisiert werden muss.

Daneben gibt es punktuelle Initiativen wie zum Beispiel der freichristlichen Organisation Remar. Hier wird inzwischen den fast immer traumatisierten Flüchtlingen die Möglichkeit gegeben, kostenlos eine Therapie wahrzunehmen.

Die (deutsche) Chiesa Cristiana Protestante in Mailand hat ihre Pforten nun auch Nachmittags geöffnet und immer wieder kommen dort Flüchtlinge vorbei. Wie neulich ein junger Iraner. Dieser war schon in der Mailänder Questura, um sich dort anzumelden. Dort wurden seine Daten aufgenommen und es wurde ihm ein Termin in einer Woche gegeben, wo ihm dann auch das Verzeichnis der Unterbringungsmöglichkeiten gegeben wird. In der Zwischenzeit hat er aber keine Schlafmöglichkeit. In diesem Fall hat ihm jemand einen Schlafsack geschenkt und er wird die Zeit Draussen überbrücken. (Update: der Iraner hat nach zwei Wochen unter freiem Himmel und der Hilfe einer deutsch-italienischen Familie schließlich einen Schlafplatz in einem Caritas-Wohnheim bekommen. Weiteres Update: Während er die monatelange Wartezeit von Termin zu Termin in der Mailänder Questura überbrückt, engagiert er sich inzwischen selber in der Flüchtlingsarbeit, nutzt die zwangsläufig verbleibende Freizeit zur Weiterbildung in der öffentlichen Bibliothek und macht einen Englischkurs, der von der Anglikanischen Kirche in Mailand angeboten wird.)

Wer sich in seinem Gastland also für Flüchtlinge engagieren möchte sieht: Privates Engagement wird an allen Ecken und Enden benötigt, und es gibt viele Möglichkeiten, sich einzubringen.

Allgemeine Infos und Tools für Helfer:

Kostenloses Online Arabisch Wörterbuch
Artikel aus LaRepubblica: Infos zu konkreten Zahlen und wie die Flüchtlingshilfe allgemein in Italien organisiert ist.