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Unterrichten in Italien – Lehrer auf den Barrikaden

... von echten "Helden im Alltag"

Wer mit Lehrern an italienischen Schulen spricht, denkt bald: Wow. Und ich dachte, mein Berufsalltag wäre eine Herausforderung.

Lehrerstreik Renzi Schulreform

Lehrer in Italien wird man sicher nicht wegen der guten Bezahlung und der Ferien, wie es deutschen Lehrern gerne unterstellt wird. Momentan läuft die große Schulreform, auch unter dem Namen „buona scuola“. Ich habe inzwischen mit mehreren Lehrern in Nord und Süd sprechen können, und wenn sie aus dem Nähkästchen plaudern, wird klar, warum eine Schulsystem-Reform dringend angebracht ist:

Adriana. Kommt aus Mailand. Ist seit über 20 Jahren Lehrerin und hat eine Festanstellung an einer Schule in Mailand. In ihrer schicken Aktentasche befindet sich immer eine Rolle Toilettenpapier, denn das gibt es an der Schule seit Monaten nicht mehr.

Alberto. Kommt aus Sizilien, wo er auch studiert hat. Seine Frau hat damals dort eine Anstellung als Lehrerin gefunden, aber er nicht. Auch in Mailand gab es keine Festanstellung an einer Schule für ihn. Also sieht sein Berufsjahr seit 10 Jahren so aus: Anfang September fliegt er von Sizilien nach Mailand. Dort erfährt er ein paar Tage vor Schulbeginn, ob er auch dieses Jahr wieder einen Job hat, und an welcher Schule bzw. welchen Schulen. Dieses Jahr unterrichtet er nämlich an zwei unterschiedlichen Instituten. Einem Lzyeum und einer Fachschule. Seine Arbeitsverträge sind über wenig Stunden (er kommt auf knapp 1000 Euro netto im Monat) und immer nur bis Juni, denn dann hört das Schuljahr auf, und Alberto fährt über den Sommer nach Hause. Er und seine Frau haben keine Kinder.

Annamaria. Stammt aus Kalabrien, ist seit über 15 Jahren Englisch-Lehrerin mit Leib und Seele. Sie gibt Austauschschülern ein Dach über dem Kopf und unterrichtet seit neuestem zusätzlich in einer gefängnisinternen Mini-Schule. Aus Überzeugung. Nicht, weil sie jemand dazu gezwungen hätte. In der Berufsfachschule in der sie ein Jahr vorher Unterricht gab, stritt sie regelmäßig mit den Hausmeistern („Bidelli“, zahlreich an der Schule und jeweils mit Festanstellung) darüber, ob sie für den Englischunterricht der nächsten Stunde den Kopierer benutzen darf und in welchem Umfang. Auch Annamaria hat alle Jahre wieder ohne Festanstellung gearbeitet. Sie erfuhr wie über 300.000 Lehrer in Italien die im „precariato“ gelandet sind, immer Anfang September im Schulamt, ob, wo und in welchem Umfang sie im folgenden Jahr arbeiten würde. Meist Tagesschulen, aber vorletztes Jahr auch mal an einer Abendschule. Die gewöhnlichen abendlichen Freizeitaktivitäten wurden in jenem Jahr gecancelt. Als sie vor vier Jahren einen Tumor überlebte war ihre Hoffnung, nun in der Warteliste für Festanstellungen nach oben zu rutschen. Dieses Jahr ist sie tatsächlich fest angestellt worden.

Seit Jahren ist der notorische Geldmangel an italienischen Schulen Grund für Streiks und Unmut. Es gibt Lehrer, die seit über 20 Jahren mit befristeten Arbeitsverträgen vorlieb nehmen müssen, da sie so weniger Kosten verursachen. Im Schnitt verdienen diese Lehrer um die 1.200 Euro monatlich. Es gibt ein System, mit denen Punkte gesammelt werden, um der Festanstellung näher kommen zu können (Graduatoria). Zusätzliche Uniabschlüsse geben Punkte, Fortbildungen, Arbeitsalter, eigene ernsthafte Krankheiten oder pflegebedürftige Familienangehörige, und so fort.

Während man nun im „precariato“ unterrichtet und weiter Punkte sammelt, kommt der eine oder andere Lehrer auch auf die Idee, eine Familie zu gründen, eine Wohnung zu kaufen, eben Verpflichtungen einzugehen, oder nennt man das, ein ganz normales Leben zu führen?

Und dann kommt die große Schulreform von Renzi.

Der Europäische Gerichtshof hat Ende letzten Jahres klargestellt, dass die italienische Praxis, Lehrer mehr als drei Jahre mit befristeten Arbeitsverträgen zu beschäftigen, gegen das europäische Arbeitsrecht verstößt. Im Zugzwang ist nun also die italienische Regierung. Und die ist pfiffig: Bis zum 14. August diesen Jahres können Lehramtsanwärter die „domanda“ auf Festanstellung stellen, dann wird auf 100.000 neue freie Stellen veteilt. Die Haken an der Sache:
Der Lehrer, der den Antrag stellt, weiß weder, wo (in ganz Italien!) er angestellt werden wird, noch, in welchr Art Schule, oder wie lange der Arbeitseinsatz dort dauern soll. Das i-Tüpfelchen: Wer einmal die „domanda“ gestellt hat, und dann den angebotenen Arbeitsplatz nicht annimmt, verliert das Recht, nocheinmal seine Festanstellung zu beantragen. Es ist also klar, warum diverse Lehrerverbände auf den Barrikaden sind und sogar dazu aufgerufen wurde, die Möglichkeit, die Festanstellung zu beantragen, zu bestreiken.

Hier gibt es ein paar „Testimonials“ von Lehrern auf Italienisch. Und ich dachte schon, meine oben erwähnten Lehrer-Freunde wären schlecht dran . . .

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Quellen:
http://www.flcgil.it/scuola/precari-scuola-quali-e-quanti-sono-i-posti-sui-quali-si-faranno-le-assunzioni-in-ruolo.flc
http://www.orizzontescuola.it/news/boicottaggio-assunzioni-storie-personali-vere-del-fronte-del-no-perch-dei-docenti-che-non-ci-st
http://www.stol.it/Artikel/Chronik-im-Ueberblick/Chronik/Italien-muss-bis-zu-300.000-Lehrer-fest-anstellen

Über kim (62 Artikel)
Kim ist 2006 ausgewandert und hat „hier und da“ in Italien gewohnt. "Angekommen" ist sie nun im Oltrepò Pavese. Sie arbeitet für eine Agentur im Bereich E-Mail und Online Marketing.

2 Kommentare zu Unterrichten in Italien – Lehrer auf den Barrikaden

  1. Hallo Miteinander,
    also ich habe eine Tochter, die das normale italienische Schulsystem durchläuft. Und das geht so: Am Anfang des Jahres wird (jedes Jahr!) ersteinmal gestreikt. (Das Einzige, das diese Schule je gut organisiert kriegt!). Die Englisch-Lehrer sprechen kaum Englisch, geben aber den Schülern schlechte Noten. Gute Schüler langweilen sich zu Tode, weil jedes erste Schulhalbjahr draufgeht, um den Stoff vom letzten Jahr zu wiederholen, da die Hälfte der Klasse auf der Leitung sitzt, oder keinen Bock hat, zu lernen. Da ich bis auf Weiteres hier in Neapel festsitze, und die nächste Deutsche Schule in Rom ist, bleibt uns entweder die Wahl, einen teuren Privatlehrer zu engagieren, oder uns geschlagen zu geben und ein enormes Bildungsdefizit für unsere Tochter hinzunehmen. Irgendwie schaffe ich es nicht, mit den Lehrern hier Mitleid zu haben, bei aller Liebe.

  2. Ich helfe seit Jahren an diversen Schulen als Deutsch-Lehrerin aus. Es ist wirklich nicht zu glauben, was die (übrigens sehr qualifizierten!) italienischen Kollegen alles im Alltag zu bewältigen haben. Alle bezweifeln, dass diese Reform wirklich etwas bewirkt. Sie scheint eher eine große Marketing-Strategie zu sein, als wirklich das System an den kränkelnden Wurzeln zu behandeln. Wie immer wird es so sein, dass sich Dinge verändern sollen, damit alles so bleiben kann, wie es ist . . .

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