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Dublin-III mal privat: Die Suche nach einer neuen Heimat, Semere O.

Semere O. lernte ich im Juli 2017 durch einen Kontakt von italien-inside kenne. Eine ehrenamtliche Mitarbeiterin Michaela aus Franken suchte ihren „Schützling“, der übers Dublin-III Abkommen zurück nach Italien abgeschoben wurde. Ich traf Semere mit anderen Flüchtlingen in einer Zeltstadt für Asylbewerber (Centro di Accoglienza per Richiedenti di Asilo, CARA) in Rom-Monteverde. Ein schmaler, sanfter junger Mann mit dunklen Augen, in denen sich ab und zu seine Vergangenheit und seine unsichere Zukunft wiederspiegeln.

Eritrea

Semere kommt aus Eritrea, einem kleinen Land das von so vielen Großmächten der Welt völlig ausgenommen worden ist, einem der repressivsten Staaten der Welt, in dem Menschenrechte täglich verletzt werden und ca. ein Viertel der Bevölkerung schon geflüchtet ist.  Seine Eltern waren Kämpfer der eritreischen Befreiungsfront und sein Vater starb in 1991 als Semere gerade mal ein Jahr alt war. Seine Mutter wurde verwundet und blieb schwerbehindert. Semere konnte 7 Jahre zur Schule, dann reichte das magere Einkommen des kleinen Hofes nicht mehr für das Schulgeld und er kümmerte sich mit seinem Bruder um die kranke Mutter.

Als Semere als im Januar 2008 achtzehn Jahre alt wurde, stufte ihn das Militär als vermeintlichen Deserteur ein, warf ihn 8 Monate ins berüchtigte Gefängnis Barentu und misshandelte und folterte ihn. Seine Mutter brachte nach Monaten die Kaution auf und bewirkte Semere’s Entlassung im Juli 2008. Im Oktober desselben Jahres verließ Semere schweren Herzens seine Heimat Eritrea, seine Mutter und seinen Bruder, um der Militärpolizei und Verhaftungen zu entfliehen. Er floh zu Fuß nach Äthiopien in das Flüchtlingslager Mai-Aini im Norden Äthiopiens, wo er 8 Jahre lang blieb.

Die Flucht: Äthiopien, Sudan, Libyen, Italien, Frankreich, Schweiz

Im Lager in Nord-Äthiopien verdiente Semere sich das Geld für seine weitere Flucht, um ein neues Zuhause zu finden. Er half unbegleiteten Kindern im Alltag. Im August 2016 floh Semere per Pick-Up und Lastwagen über den Sudan nach Libyen – hier von Banditen gefoltert -, dann per Schlauchboot nach Messina, Sizilien, weiter schwarzfahrend per Zug über Frankreich und die Schweiz, und erreichte endlich das „gelobte“ Deutschland in Lörrach. Hier wurde er im September 2016 von der Bahnpolizei aufgefangen und mit Bahnticket nach Bamberg/Scheßlitz geführt. Leider wurden seine biometrischen Daten in Messina bei der EURODAC, der europäischen Datenbank für Flüchtlinge, aufgenommen.

Deutschland

Jetzt konnte Semere ganz „regulär“ mit Fahrkarte als Asylbewerber in Spe nach Bayern fahren. Er meldete sich in einem Asylantenheim in Scheßlitz bei Bamberg. Schnell fühlte sich Semere ein wenig zuhause, er bekam einen kleinen deutschen Freundeskreis, nahm an Sprachkursen teil und ging regelmäßig zu Treffen des Vereins „Freund statt Fremd“. Hier traf er auch Michaela, die ihn wie einen Sohn in ihre Familie aufnahm und später nach Rom folgte.

Für Semere endete der deutsche Traum krass nach 9 Monaten. Die Polizei holte ihn morgens um 4 aus seinem Heim, es blieb kaum Zeit, seine Sachen zu packen und er wurde über Frankfurt mit der Lufthansa nach Rom abgeschoben. Für die deutsche Polizei ein typischer Dublin-III Fall. Weiter nichts.  Für Semere ein neues Trauma, Polizei und Militär werden bei ihm wohl sein Leben lang Angst und Schrecken auslösen.

Italien

In Rom wurde Semere in das Asylbewerberzeltlager in Via Ramazzini in Monteverde gebracht. Nach Italien wollte Semere eigentlich nun gar nicht zurück, da in Flüchtlingskreisen und auch außerhalb bekannt ist, daß Sozialleistungen in Deutschland viel höher sind als in Südeuropa.

Semere hat vor den Nigerianer in Lager etwas Angst, und von Eritreern gab es hier nicht so viele.  Seine Landleute waren beim Rote Kreuz-Personal schon als „sehr fordernd“ kritisiert worden, wo sei das Haus, das Essen, die Medizin, das relativ hohe Taschengeld wie in Deutschland?  Trotzdem fand Semere schnell Anschluss an die relativ große eritreische Gemeine in Rom. Er fing an, Italienisch zu lernen.

Ende September wurde die Zeltstadt in Via Ramazzini geschlossen, wegen Winteruntauglichkeit, Platznot auf dem Krankenhausgelände und wohl auch wegen Beschwerden der recht „bürgerlichen“ Anwohner von Monteverde: die dunklen Männer machten den Mädchen und Frauen Angst.

Wieder Umziehen für Semere, aber jetzt wenigsten in Ruhe und ohne Polizeibegleitung, in einem Minibus nach Castelnuovo di Porto, ca. 30km nördlich von Rom. Ein scheußlicher Funktionsbau der „Protezione Civile“, mitten in der Walachei zwischen Autobahn, Schnellbahntrasse, Lagerhäusern und einigen Prostituierten. Dieses Zentrum soll angeblich als Versuchsmodel eines Asylbewerberzentrums sein -weit vom Stadtzentrum- mit über 800 Bewohnern, geleitet von Auxilium, einer Kooperative, die soziale Einrichtungen in ganz Italien verwaltet.

Und nun?

Semere sagt mir nach einigen Tagen, er fühlte sich wohl in seiner Unterkunft, endlich hätte er ein „Haus“ aus Stein und Mörtel. Er werde wie alle anderen behandelt, etwa 75% der Bewohner sind Eritreer und er posiert gerne auf den sozialen Medien in seinem bescheidenen Zimmer, das er sich mit anderen teilt.

Sein Asylantrag ist schon bei der Kommission für Asylbewerber, am 3. Oktober hatte er sein Interview, weniger als 3 Monate nach seiner Abschiebung aus Deutschland. Es sähe gut aus, fast 90% der Asylanträge von Eritreern würden in Italien akzeptiert werden. Am 12. Dezember 2017 wird die Entscheidung der Kommission bekanntgegeben.

Danach steht erneut die große Frage, was kann ein junger Mann, fast 10 Jahre auf der Flucht, einer Schulbildung größtenteils entsagt, ohne Familie und Freunde in Italien/Europa nun machen kann, um seinen Lebensunterhalt für sich zu verdienen? Wo wird er wohnen nach der Anerkennung seines Asylantrages?

Italien hat kein Sozialhilfeprogramm wie Deutschland und wie bekannt, ist die soziale Unterstützung in Italien Sache der erweiterten Familie, der Kirche und der vielen gemeinnützigen Vereine. Durch Praktika und kostenlose, berufsbildende Kurse qualifizieren sich etliche Flüchtlinge und können so sich ein neues Zuhause finanzieren.

So wie in Deutschland oder woanders in der EU gibt es in Italien auch zahlreiche Freiwillige, Aktivisten, Sozialisten etc., die sich für sozial Schwächere einsetzen. Und so wie auf den Straßen im Mezzogiorno erreicht man trotz des vermeintlichen Chaos oft schneller das Ziel, als im überregelten Deutschland. Das wünsche ich mir zumindest für Semere und seine Freunde auf der Suche nach einem neuen Zuhause.

Über Alexandra (1 Artikel)
Alexandra hat in Deutschland und England Ökonomie studiert und dann längere Zeit in Ghana im Privatsektor gearbeitet bis sie 2001 nach Rom zog um dort bei der FAO zu arbeiten. Sie engagiert sich in Rom ehrenamtlich, unter anderem für Flüchtlinge, und unterrichtet Wirtschaft und Englisch an Gymnasien.
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